100 Jahre Nazim Hikmet
1902 bin ich geboren!
In meine Geburtsstadt kam ich nie wieder,
ich kehre nicht gerne um!
Seit meinem 14. Lebensjahr schreibe ich Verse!
Manche Menschen kennen die Arten der Gräser oder der
Fische,
ich kenne die Arten der Einsamkeit!
Ich war in Kerkern und in Grand-Hotels,
ich hungerte oft, war auch im Hungerstreik
und lernte manche Speisen nicht kennen!
Mit 30 sollte ich hängen!
Mit 48 sollte ich den Friedenspreis bekommen.
Meine Bücher erscheinen in 30 bis 40 Sprachen,
nur in meiner Türkei,
in meiner Muttersprache sind sie verboten."
Nâzım Hikmet, Verfasser dieser Zeilen, ist einer
der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts und wäre am 20. Januar 100
Jahre alt geworden. Unermüdlich, wie wenige sonst, hat er seine Stimme für
die Unterdrückten in der Türkei und in der ganzen Welt erhoben. Dafür hat
er in der Türkei 15 Jahre in Haft verbracht und dann in Moskau im Exil
gelebt. Bis heute aber, 38 Jahre nach seinem Tod, bewegt Hikmets Traum von
einer besseren Welt die Menschen.
Für die Milliarden von Werktätigen in der Türkei
sowie auf der ganzen Welt und diejenigen, die auf deren Seite stehen, ist es
von großer Bedeutung, dass man den großen Dichter Nazım Hikmet im Jahr
seines 100. Geburtstags seiner Person und seinen Idealen würdig gedenkt.
Insbesondere für diejenigen, die für Demokratie und
Sozialismus kämpfen, heißt aber auch Nazim zu gedenken, sich nicht von
denjenigen irritieren zu lassen, die versuchen die Gedenkfeiern für ihre
imperialistische Globalisierungspolitik zu instrumentalisieren, wie es die türkische
Regierung mit einer breit angelegten Kampagne zu tun versucht.
Die offizielle Haltung politischer Kreise zu Nazım
Hikmet und seinen Werken gegenüber hat sich in den letzten Jahren stark
gewandelt. Galt er doch früher als Kommunist und Vaterlandsverräter, wird
nun ein systemkonformes Porträt Nazım Hikmets projiziert.
Damit will man aus den Gedächtnissen löschen, dass Nazım
Hikmet stets auf der Seite der Werktätigen gegen Kapitalismus und Ausbeutung
gekämpft und sein ganzes Leben lang diese Prinzipien nicht aufgegeben hat.
Man hofft, dass somit die Verbrechen gegen Nazım und seine Ideale, die
die Hoffnungen des Volkes wiederspiegeln, in Vergessenheit geraten.
Es ist wichtig zu betonen, dass Nazım ein Dichter des
Volkes war, der bis zu seinem Lebensende gegen Imperialismus und Kapitalismus
gekämpft hat. Er ist mit der kapitalistischen Ideologie und Politik nie auf
Kompromisse eingegangen. Er war ein zeitgenössischer Humanist, und das macht
die Universalität seiner Werke aus.
Wir, die Unterzeichner dieses Schriftstücks, planen
Gedenkaktivitäten außerhalb jener Kräfte, gegen die Nazım kämpfte.
Dabei wollen wir unsere Kräfte mit denjenigen bündeln, die gemäß der
politischen Überzeugung Nazıms agieren wollen. In einer Zeit, in der die
Angriffe des Kapitals mittels Globalisierungspropaganda sich gegen alle
menschlichen Werte richtet, gewinnt das Gedenken an Nazım Hikmet und der
Kampf der Arbeiterklasse gegen ihre Ausbeuter eine besondere Bedeutung.
Nun droht bei den angekündigten offiziellen
Gedenkfeierlichkeiten der türkischen Regierung, dass die Inhalte seiner
Ideale, seine politische Überzeugung und sein Kampf für eine klassenlose
Gesellschaft zensiert bzw. ausgehöhlt werden. Natürlich will jeder Nazım
so darstellen wie es seiner Weltanschauung passt. Dennoch, Nazım selbst
und seine Werke reichen aus, um sich der der Aushöhlung und der Zensur zu
widersetzen. Solche Aktivitäten, welche die Ideale und den Kampf von Nazım
mit den aktuellen Bedürfnissen des Klassenkampfes verbinden, werden sich
zwangsläufig von denen der „offiziellen“ Feierlichkeiten differenzieren.
In diesem Sinne kommt auch der Initiative, die zunächst von 40 Künstlern,
Schriftstellern und Dichtern gegründet wurde und inzwischen von Hunderten von
neuen Unterstützern getragen wird, besondere Bedeutung zu.
Um Nazım Hikmet als kontinuierlich zu betrachten
und ihn bis zum „Befreiungstag“ zu tragen, ist die Parole „ein lebender
Nazım Hikmet“ angebracht. Um seinen vielfältigen Besonderheiten, die
miteinander verbunden sind und seinen Idealen gerecht zu werden, müssen die
Aktivitäten sich in gewissen Punkten deutlich von denen der offiziellen
Gedenkfeiern unterscheiden.
Es muss zum Beispiel deutlich hervorgehoben werden, dass
Nazım ein Kommunist aber auch ein Patriot war, dass zwischen seiner Überzeugung
und seinen Taten ein Zusammenhang besteht und diese nicht gegenüber gestellt
werden können, da seine Überzeugung sein Handeln geprägt hat. Es ist
ebenfalls eine Verzerrung seiner Persönlichkeit, ihn nur als einen Romantiker
darzustellen und zu verschweigen, dass er begeisterter Anhänger der
Wissenschaft war. Es wird behauptet, dass Nazım nur aufgrund seiner
lebhaften und emotionalen Persönlichkeit eine „romantische Zuneigung zum
Kommunismus“ gehabt hätte. Jedoch kann man seine jahrzehntelange Überzeugung
nicht als eine gefühlsmäßige Anbindung erklären. Diejenigen, die sich dem
Kommunismus gefühlsmäßig angetan fühlten, haben sich nach kurzer Zeit
davon distanziert. Niemand kann bestreiten, dass Nazım ein vielseitiger Künstler
und großer Dichter war. Manch einer fragt sich wie ein Kommunist solche außergewöhnlichen
künstlerischen Eigenschaften besitzen kann, mal hört man solche Äußerungen
wie: Wäre er kein Kommunist, wer weiß, was er sonst noch zu Stande gebracht
hätte.“
Die Differenzierung zwischen seiner Ideologie und seinem
künstlerischen Schaffen sind oberflächlich und heuchlerisch. So wie viele
andere kommunistische Dichter, Schriftsteller oder Künstler, die Zeitgenossen
von Nazım Hikmet waren, ist auch er einer, der aus einer revolutionären
Zeitgeschichte hervorgegangen ist.
Die Gedenkfeierlichkeiten müssen diese Eigenschaften
Nazıms hervorheben. Viel wichtiger ist es jedoch, in heutiger Zeit Nazım
und seine Ideale im Kampf der werktätigen Klassen weiter leben zu lassen
Die Verfasser
unterstützer dieses Artikels:
Ayla AKBAL, Sunay AKIN, Ataol BEHRAMOĞLU,
Peride CELAL, Tuncer CÜCENOĞLU, Halet ÇAMBEL, İbrahim ÇİFTÇİOĞLU,
Arif DAMAR, Güzin DİNO, Refik ERDURAN,
Müjdat GEZEN, Burhan GÜNEL, Aydın HATPOĞLU, Attilâ İLHAN, Şükran
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SAYAR, Sennur SEZER, Müzehher VANU,
Oktay AKBAL, Engin AYÇA, Cengiz BEKTAŞ, Gülsüm CENGİZ, Nail V. ÇAKIRHAN,
Halit ÇELENK, Aydın ÇUBUKÇU,
Savaş DİNÇEL, Leyla ERBİL, Güngör GENÇAY,
Vedat GÜNYOL, Bülent
HABORA, Rasih Nuri İLERİ,
Alpay KABACALI, Yılmaz ONAY, Kemal ÖZER RASİN,
İlhan SELÇUK, Server
TANİLLİ
(Übersetzt
aus Evrensel Kültür Januar 2002, Nr.121)