Während die Fraktion der prokurdischen Partei für Frieden und Demokratie BDP
zu Monatsbeginn ihren Parlamentsboykott in der Türkei beendet hat, geht die
Repression gegen ihre Mitglieder unvermindert weiter.
Antiterroreinheiten der türkischen Polizei nahmen am
Dienstag in Istanbul und Diyarbakir rund 90 BDP-Politiker fest. Die
islamisch-konservative AKP-Regierung wirft ihnen Mitgliedschaft in der
verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vor. Im September waren bereits 771
BDP-Mitglieder, Gewerkschafter und Menschenrechtsaktivisten festgenommen
worden, von denen 286 weiterhin in Haft sind. Unterdessen beschuldigte
Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nicht näher genannte »deutsche
Stiftungen«, die von türkischer Seite als terroristisch eingestufte PKK zu finanzieren.
Über Kredite für Infrastrukturprojekte der kurdischen Lokalverwaltungen – etwa
zur Modernisierung von Abwassersystemen –werde auf offiziellem Weg Geld an die
PKK geschickt, behauptete Erdogan. Der deutsche Botschafter in Ankara, Erhard
Pohl, wies die Vorwürfe zurück. Parteistiftungen hätten nichts mit
Infrastrukturprojekten zu tun. Die Gesellschaft für internationale
Zusammenarbeit (GiZ) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) seien mit
Erlaubnis der türkischen Regierung im Land aktiv.
Die PKK ließ am Montag vier von insgesamt zwölf Lehrern frei, die sie in den
letzten Wochen entführt hatte, um gegen die Weigerung der Regierung zu
protestieren, kurdischsprachigen Schulunterricht zu genehmigen. Die übrigen
Lehrer kämen bald frei, versicherte die Guerilla.
Rund 100 Städte und Gemeinden im Südosten der Türkei werden seit der
Kommunalwahl 2009 von der BDP regiert. Unter den Inhaftierten sind mehrere
Bürgermeister, die von der kurdischen Bevölkerung gewählt wurden, so auch der
Bürgermeister von Batman, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Dort waren
in der Nacht zum Dienstag vergangener Woche eine hochschwangere Frau und ihre
vierjährige Tochter in einem Zivilfahrzeug erschossen worden. Das ungeborene
Baby konnte zunächst per Kaiserschnitt gerettet werden, starb jedoch im
Krankenhaus. Während die türkischen Behörden die PKK und deren militärischen
Arm HPG beschuldigten, eine Schießerei mit der Polizei angefangen zu haben, bei
der das Auto ins Kreuzfeuer geraten sei, sagten Augenzeugen zunächst gegenüber
kurdischen Medien, die Polizei habe das Feuer eröffnet. Das Gefecht mit drei
mutmaßlichen HPG-Kämpfern habe nicht am selben Ort stattgefunden.
Während der Trauerfeier für Mizgin Doru und ihre Tochter in Örmegöz standen
Militärs und Zivilpolizisten auf Dächern und Hügeln sowie vor dem Trauerhaus.
Wie die kurdische Nachrichtenagentur Firat meldete, waren die Zeugen später
nicht mehr bereit, ihre Aussagen zu wiederholen. Videoaufnahmen, die der
Gouverneur als angebliche Beweise für die Täterschaft der Guerilla anführt,
zeigen jedoch, wie ein wegfahrendes weißes Auto von der Polizei beschossen
wird. Später kam es auf einer 563 Meter entfernten Baustelle zu dem Gefecht,
bei dem zwei Guerilleros und ein Polizist getötet wurden und ein Bauarbeiter womöglich
hingerichtet wurde. Ein im Internet verbreitetes Handyvideo zeigt, wie zwei
Polizisten eine offenbar noch lebende Person von der Baustelle wegschleifen.
Auch das Kommando »Schieß ihm in den Kopf«, ist zu hören.
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(c) Junge Welt 2011