"Auch die anderen Gefangenen nicht alleinlassen"
Ein Gespraech mit Sandra Bakutz. Die oesterreichische
Menschenrechtsaktivistin wurde nach zwei Monaten aus tuerkischer Haft entlassen
Interview: Suekriye Akar
* Die oesterreichische Menschenrechtsaktivistin und junge-Welt-Autorin
Sandra Bakutz wurde am 10. Februar 2005 in Istanbul verhaftet
F: Warum waren Sie am 10. Februar in die Tuerkei geflogen?
Ich war im Rahmen einer internationalen Delegation unterwegs zur
Beobachtung des Prozesses gegen mehrere hundert politische Aktivisten, die
Anfang April 2004 verhaftet worden waren. Bereits bei der Passkontrolle
am Flughafen wurde ich verhaftet; als Begruendung wur- de auf einen im
Jahr 2001 in Ankara ausgestellten Haftbefehl verwiesen. Niemand sagte
mir, wessen ich beschuldigt wurde. Ich habe eine Nacht auf der
Polizeiwache am Flughafen verbracht, danach wurde ich dem "Gericht fuer schwere
Straftaten" ueberstellt. Dort teilte man mir mit, dass ich der
Mitgliedschaft in der DHKP-C beschuldigt werde. Dann brachte man mich in das
Pasakapi-Gefaengnis in Istanbul. Trotz meines Status’ als EU-Auslaenderin
war ich Schikanen ausgesetzt. Man zog mir unter Gewaltanwendung die
Schuhe aus, und an jedem Kontrollpunkt versuchten die Waerterinnen, mich
komplett auszuziehen. Ich habe diese ungesetzliche, entwuerdigende
Behandlung nicht akzeptiert.
F: Spaeter wurden Sie in das Gefaengnis von Ankara gebracht.
In Ankara sollte mein Prozess stattfinden. Im dortigen
Ulucanlar-Gefaengnis teilte ich eine Zelle mit 24 anderen politischen Gefangenen.
Obwohl die Bedingungen in der Gruppe nicht so schlimm sind wie in den
Isolationszellen der F-Typ-Gefaengnisse, habe ich auch dort furchtbare Dinge
miterlebt. Der Transport ins Krankenhaus beispielsweise ist eine Folter
fuer sich. Im Krankenhaus wird man dann mit Handschellen, unter
Anwesenheit eines bewaffneten Soldaten, untersucht. Wenn man sich weigert, auf
diese Art und Weise untersucht zu werden, wird einem jegliche
Behandlung verweigert.
F: Was koennen Sie ueber Ihre Gerichtsverhandlung vom 30. Maerz
berichten?
Ich war aufgeregt, denn ich stand zum ersten Mal vor einem Gericht. Die
internationale Delegation, die fuer mich anreiste, habe ich gesehen,
obwohl seitens des Gerichtes versucht wurde, jeden Kontakt zwischen uns
zu verhindern. Auch demokratische Organisationen in der Tuerkei, wie die
Organisation der Angehoerigen politischer Gefangener TAYAD und die
Plattform fuer Rechte und Freiheiten (HOeC), haben mich unterstuetzt. Zum
Prozess wurden aber nur die Auslaender zugelassen.
Das Verfahren selbst war eine tragisch-komische Angelegenheit. Als
Beweis fuer meine Mitgliedschaft in der DHKP-C wurde eine angeblich von mir
inszenierte Protestaktion gegen einen Besuch des damaligen tuerkischen
Aussenministers 2001 im Europaeischen Parlament angefuehrt. Wie soll
die – uebrigens durch nichts belegbare – Teilnahme an einer legalen
Protestaktion ein Beweis fuer eine Mitgliedschaft in einer verbotenen
Organisation sein? Zudem wurde mir die Unterstuetzung von Ilhan Yelkuvan zur
Last gelegt. Ilhan sitzt in Deutschland in Isolationshaft und hat mit
einem 69 Tage dauernden Hungerstreik gegen seine Haftbedingungen
protestiert. Ich bin gegen Isolationshaft, darum habe ich diesen Menschen
unterstuetzt. Am Ende des Gerichtstages wurde der Prozess auf den 1. Juni
vertagt. Ich selbst wurde am 31. Maerz aus der Tuerkei ausgewiesen.
F: Sie kaempfen seit Jahren gegen die Haftbedingungen in der Tuerkei
und waren nun selbst knapp zwei Monate in Haft.
Ich hatte bis zu meiner Verhaftung viel ueber Isolationshaft gelesen
und gehoert. Aber es ist etwas ganz anderes, so etwas selbst zu erleben.
Man ist totaler Willkuer ausgesetzt. So sehr die tuerkische Regierung
auch behauptet, die Zustaende haetten sich gebessert – das Gegenteil ist
wahr.
F: Es gab internationales Interesse und viel Unterstuetzung fuer Ihren
Fall.
Die breite Unterstuetzung hat mich sehr ueberrascht und gluecklich
gemacht. Mit meiner Freilassung sind aber die Probleme der anderen
Gefangenen nicht geloest. Ich wurde verhaftet, weil ich gegen Isolationshaft
bin. Diese besteht aber weiterhin. So wie man mich nicht allein gelassen
hat, bitte ich darum, auch alle anderen politischen Gefangenen nicht
alleinzulassen.
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http://www.jungewelt.de/2005/04-04/021.php