Zehntausende Menschen beteiligten sich am
Wochenende an den Trauerfeiern für 35 zuvor im türkisch-irakischen Grenzgebiet
durch einen Luftangriff getötete zumeist minderjährige Dorfbewohner in Uludere
in der türkischen Provinz Sirnak. Mit Sprechchören wurde die Guerilla zu einem
Vergeltungsschlag aufgerufen.
Unterdessen versuchen regierungsnahe Medien seit Tagen, der Arbeiterpartei
Kurdistans (PKK) die Schuld für den Luftangriff zu geben. Ein PKK-Doppelagent
innerhalb des türkischen Geheimdienstes MIT habe dem Militär gemeldet, bei der
Schmugglergruppe handle es sich um Guerillakämpfer, mutmaßen die Tageszeitungen
Zaman und Taraf. Ziel sei es gewesen, die Armee zu diskreditieren, um die
örtliche, loyal zum Staat stehende Bevölkerung zum Aufstand anzustacheln.
Überlebende des Angriffs bestätigten unterdessen, daß Soldaten die Schmuggler
vor dem Luftangriff gestoppt hatten und somit wußten, daß es sich nicht um
bewaffnete Guerillas handelte. Die PKK geht daher von einem vorsätzlichen
Massaker zur Einschüchterung der Bevölkerung aus.
Der als graue Eminenz hinter der türkischen Regierung geltende islamische
Ordensführer Fethullah Gülen sprach in einer Kondolenzbotschaft für die
Getöteten offenbar mit Blick auf die kurdische Bewegung von »Kreisen«, die den
Schmerz ausnutzen, um die »Söhne der Nation gegeneinander auszuspielen«. Gülens
Trauer erscheint um so heuchlerischer, da er erst vor wenigen Wochen in einer
Fatwa zur Vernichtung der kurdischen Befreiungsbewegung aufgerufen hatte.
505 Soldaten und Polizisten sowie 165 Guerillakämpfer starben im vergangenen
Jahr bei Kämpfen in Kurdistan. Diese blutige Jahresbilanz hat die PKK nun
vorgelegt. Die türkische Armee führte demnach 680 Bodenoperationen, Luft- und
Artillerieangriffe durch, während die Guerilla ihrerseits 167 Aktionen
startete. Dabei kam es zu 45 Gefechten. Zudem wurden mehr als 50 Zivilisten
durch das türkische Militär getötet.
Den
Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/01-03/054.php
(c)
Junge Welt 2012