Verein zur Förderung der Medien- und Pressefreiheit in der Türkei EMEK Solidarität e.V.

 

                                                                                                      Kassel, den  21.7.2004

 

Die Lufthansa verlangt die Zustimmung des  Betriebsrats zu über 40% weniger Lohn:

Sonst fallen die über 300 Arbeitsplätze im Kasseler Callcenter der Lufthansa weg und das Center wird geschlossen!

 

 

Die deutsche Lufthansa ist ein profitables und großes Luftfahrtunternehmen. In diesem Unternehmen arbeiten 60Tsd. Menschen und in einer ‚Zukunfts’branche. Neben den Sonderregelungen der Piloten bestehen seit vielen Jahren Tarifverträge mit der zuständigen Gewerkschaft Ver.di. Die 60Tsd Beschäftigten sind in verschiedenen Subunternehmen und in Teilbereichen aufgegliedert und kürzlich ist die Lufthansazentrale nach Steuergeschenken der bayrischen Landesregierung von Frankfurt nach München umgezogen.

 

Das Callcenter in Kassel ist  eins von weltweit 8 Callcentren der Lufthansa. Drei von diesen Callcentren sind sind in einer Zeitzone: In Irland, Kapstadt und in Kassel. Ein weiteres Lufthansa- Callcenter ist kürzlich in Istanbul eröffnet worden, es wird ständig ausgebaut und arbeitet angeblich viel rentabeler als die in Zentraleuropa. Von diesen Zentren ist Kassel- auch auf Grund der bestehenden Tarifverträgen-  das ‚teuerste’ und bringt somit nach Angaben der Zentrale am wenigsten Profit.

Der DGB und Ver.di Nordhessen sowie das Kasseler Bündnis gegen Sozialabbau haben am Dienstagabend in der Ver.di- Zentrale zu einer Informationsveranstaltung mit Gewerkschaftskolleginnen und Kollegen aus dem Callcenter und dem BR-Vorsitzenden Roland Blanke eingeladen.

 

Dabei wurden die Erpressungsversuche und Zumutungen der Bosse deutlich: Das Callcenter wird bis Ende des Jahres geschlossen, es sei denn:

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-          Die Beschäftigten verzichten auf 1/3 ihrer Vergütung

-          Sie akzeptieren die Streichung von 5 Tagen Jahresurlaub

-          Sie verzichten auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld

-          Erhalten keine Zeitzuschläge mehr und verzichten auf Zuschüsse für des Essen und das Jobticket

-          Von den 300 Beschäftigten sind über 80% Frauen, häufig alleinerziehend, vielfach arbeiten sie in Teilzeit und oft in den unteren Lohngruppen. Gerade bei diesen unteren Lohngruppen soll deutlich mehr als das 1/3 Lohnverzicht herauskommen.

-          Außerdem verlangen die Bosse eine totale Überwachung und Kontrolle der Telefoncomputer; beispielsweise sollen sich die Supervisoren ohne Wissen der Kolleginnen aber auch der Kunden einschalten können. Die übliche Betriebs-vereinbarung hierzu soll außer Kraft gesetzt werden.

 

Auf einer kürzlichen Betriebsversammlung wurde der Betriebsrat von den KollegInnen aufgefordert hart zu bleiben, diese Provokationen zurückzuweisen und keinesfalls auf die Forderungen der Bosse einzugehen. Der Gesamtbetriebsrat der Lufthansa hat sich mit den Kasseler Beschäftigten solidarisiert. Zwei kleine Stadtverordnetenfraktionen (PDS und AUF)haben Ihre Unterstützung zugesagt und selbst der Kasseler OB Lewandowski

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(CDU) will die Arbeitsplätze in Kassel erhalten wissen.

 

Proteste von Ver.di, nur 1/3 der Beschäftigten sind organisiert, hat die Lufthansa mit dem Argument zurückgewiesen, dass es sich hier um eine interne Unternehmensentscheidung in einem Kleinteilbereich handeln würde und dass der ansonsten gültige Tarifvertrag ja nicht angetastet wird. Trotz dieser Zurückweisung beharrt  Ver.di auf einen Termin Ende Juli und wird die Forderungen der Lufthansa zurückweisen.

 

Trotz aller Aktivitäten der Gewerkschafter und Betriebsräte bei der Lufthansa hat die Unternehmensleitung nicht die geringste Konzession gemacht. Im Gegenteil der endgültige Stilllegungsbeschluß scheint unmittelbar bevorzustehen!

 

Leider sind auf Grund der speziellen Struktur in den Callcentren gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen schwer wirkungsvoll organisierbar. Auch eine Kontaktaufnahme mit den Callzentren in Austalien und in Irland ist kaum in Widerstandskraft umzusetzen. Eine Möglichkeit Druck auf die Lufthansa zu machen, sehen Kollegen des Kasseler Callcentern darin, diese frühkapitalistischen Methoden ihrer Bosse öffentlich anzuprangern und dass Kunden, die nun von den Kasseler Dienstleistungen abgeschnitten sind, protestieren.

 

Die an diesem Infoabend Anwesenden haben Ihren Kolleginnen und Kollegen beim Lufthansa- Callcenter ihre Solidarität und Unterstützung gegen Sozialabbau und Entlassungen zugesagt. Da die acht Lufthansa Callcentren über den ganzen Erdball verteilt sind, wäre der Aufbau einer internationalen Solidarität von sehr großer Bedeutung.

 

w.f.

 

Nachtrag: Mittlerweile ist es gelungen, dass über unsere Kontakte zu Gewerkschaften in der Türkei die Ver.di- Kollegen und Betriebsräte  Verbindungen zu den Lufthansa- CallcenterkollegInnen in Istanbul aufgenommen haben. Die dort zuständige Gewerkschaft ‚Hava-IS’ (‚Flughafen-Gewerkschaft’) hat mitgeteilt, dass im Istanbuler Lufthansa-Callcenter nur sehr wenige KollegInnen organisiert sind.

Inzwischen ist auch der Konflikt im Call-Zentrum Kassel beendet. Arbeitsplätze konnten in Kassel zwar erhalten werden; die Betriebsräte und GewerkschaftskollegInnen in Kassel mussten äußerst schmerzhafte Konzessionen machen.

Sollte der Ärger mit den Lufthansabossen weiter gehen- was zu erwarten ist-,  werden sich die Kasseler Kollegen sofort über den Verantwortlichen für internationale Kontakte der ‚Hava-IS’ mit ihren Istanbuler Kollegen kurzschließen. 12/2004