Noch vor der Vereidigung der am 12. Juni neugewählten
Parlamentsabgeordneten hat der Hohe Wahlrat der Türkei YSK einem führenden
kurdischen Politiker aufgrund seiner politisch bedingten Vorstrafe das Mandat
aberkannt. Der mit 77709 Stimmen in Diyarbakir gewählte Hatip Dicle und fünf
weitere Kandidaten des aus der prokurdischen Partei für Frieden und Demokratie
BDP und sozialistischen Parteien bestehenden Wahlblocks für Arbeit, Demokratie
und Freiheit befinden sich trotz ihrer Wahl ins Parlament aufgrund laufender
Ermittlungsverfahren weiterhin im Gefängnis. Dicle war 1994 gemeinsam mit Leyla
Zana und weiteren kurdischen Abgeordneten aus dem Parlament heraus verhaftet
und wegen angeblicher PKK-Mitgliedschaft für zehn Jahre inhaftiert worden. Ende
2009 wurde Dicle als Sprecher des aus kurdischen Zivilorganisationen gebildeten
»Kongresses für eine Demokratische Gesellschaft« (DTK) erneut unter dem Vorwurf
der PKK-Mitgliedschaft verhaftet.
Der YSK gab seine Entscheidung in der Nacht zum Mittwoch noch vor Entgegennahme
von Dicles Verteidigungsschrift bekannt. Unter kurdischen Politkern und der
Bevölkerung löste dieser Beschluß Unglauben und Wut aus. »Dicle ist unsere rote
Linie«, hatte der BDP-Vorsitzende Hamit Geylani zuvor erklärt. »Wir anerkennen
keine Macht, die den demokratischen Willen, Dicle als Abgeordneten zu wählen,
ignoriert.« Sollten Dicle und die anderen noch inhaftierten Abgeordneten nicht
freikommen, kündigte die BDP-Abgeordnete und DTK-Sprecherin Aysel Tugluk einen
Parlamentsboykott an, um Nachwahlen zu erzwingen. Ihr Sprecherkollege Ahmet
Türk sagte: »Der Staat will uns den demokratischen Boden entziehen und uns in
den bewaffneten Kampf zwingen.«
Die YSK-Entscheidung hat schon jetzt massive Proteste ausgelöst, die sich in
den kommenden Tagen auszuweiten drohen. Bereits im April hatte der YSK Dicle
und weitere Politiker des Wahlblocks aufgrund ihrer politisch bedingten
Vorstrafen von der Kandidatur ausgeschlossen, doch diese Entscheidung nach
aufstandsähnlichen Unruhen in den kurdischen Landesteilen wieder rückgängig
gemacht.
Der Block für Arbeit, Demokratie und Freiheit hatte bei den Parlamentswahlen
mit 36 in den kurdischen Landesteilen, aber auch in Istanbul und Mersin
errungenen Direktmandaten seine eigenen Wahlziele noch deutlich übertroffen.
Der inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan, der zuvor dem Staat ein Ultimatum
zur Einleitung eines Friedensdialogs bis zum 15. Juni gesetzt hatte, rief
daraufhin zur Verlängerung des einseitigen Waffenstillstands der PKK auf, um
das Wahlergebnis für eine politische Lösung der kurdischen Frage zu nutzen. Zu
Wochenbeginn nannte auch die PKK-Führung in den nordirakischen Kandil-Bergen
ihre Bedingungen für eine Einleitung eines Friedensprozesses. So müsse die neue
türkische Nationalversammlung einen offiziellen Appell an Öcalan richten, sich
an der Ausarbeitung einer neuen Verfassung zu beteiligen. Zudem solle der
türkische Ministerpräsident oder ein anderer hoher Staatsvertreter offiziell
erklären, in einen Dialog mit der kurdischen Seite einzutreten. Unterdessen
wurden am Dienstag und am Mittwoch in mehreren kurdischen Städten erneut
BDP-Funktionäre verhaftet.
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