Während die türkische Regierung versucht, den Konflikt mit
der Arbeiterpartei Kurdistans PKK militärisch zu lösen, ist am Sonntag in der
heimlichen Hauptstadt Kurdistans das zweite Mesopotamische Sozialforum zu Ende
gegangen. Vier Tage lang hatten sich rund 2000 Menschen in Diyarbakir über
Möglichkeiten zur Überwindung von Ausbeutung, Krieg, Umweltzerstörung und
Patriarchat ausgetauscht. »Rebellion für das Leben« stand auf einem
Transparent, das Umweltaktivisten aus der Schwarzmeerregion gemalt hatten.
Am letzten Tag ging das Gerücht um, die türkische Armee habe mehrere hundert
Särge bestellt. Hintergrund war die Ankündigung des türkischen
Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, in einer gemeinsamen Offensive mit
dem Iran gegen PKK-Stützpunkte in den Kandil-Bergen an der iranisch-irakischen
Grenze vorzugehen. »Es tut mir leid, das zu sagen, aber es wird einen Preis
haben«, drohte Erdogan am Sonntag an, nachdem in Pervari bei einem
Guerillaangriff sechs Militärpolizisten getötet wurden. Die Armee fliegt seit
Wochen Luftangriffe auf Ziele im Nordirak, auch eine grenzüberschreitende
Bodenoffensive ist offenbar in Vorbereitung. Der Lärm von Militärflugzeugen auf
dem Weg in die Grenzregion war für die Teilnehmer des Sozialforums in
Diyarbakir mehrfach zu hören.
Nach der Tötung von vier Zivilistinnen Mitte letzter Woche, deren Fahrzeug bei
einem Angriff auf eine Polizeikaserne bei Siirt irrtümlich für einen
Zivilpolizeiwagen gehalten wurde, sieht sich die PKK Kritik aus der
prokurdischen Partei für Frieden und Demokratie (BDP) ausgesetzt. »Auch im
Krieg müssen Regeln und Ethik gelten. Es ist nicht akzeptabel, wenn Zivilisten
getötet werden«, erklärte der Parteivorsitzende Selahattin Demirtas. Der für
die BDP ins Parlament gewählte türkische Sozialist Ertugrul Kürkcü forderte die
bedingungslose Beendigung solcher Angriffe. Die Guerilla hatte sich für den
Angriff entschuldigt und eine »großangelegte Untersuchung« angekündigt.
Die von der BDP geführte Stadtverwaltung der Millionenstadt Diyarbakir, die auf
Kurdisch Amed heißt, hatte dem Sozialforum öffentliche Räume zur Verfügung
gestellt. Da allein innerhalb des letzten halben Jahres 1360 BDP-Mitglieder
wegen angeblicher PKK-Unterstützung verhaftet wurden, war es bis zuletzt unklar
geblieben, ob das Forum überhaupt stattfinden würde. Die Polizei versuchte auch
von Anfang an, Protestaktionen der Teilnehmer zu verhindern. Eine von der Frauenbewegung
organisierte Demonstration wurde am Freitag abend schon nach wenigen Minuten
mit Räumpanzern zurück auf das Veranstaltungsgelände im Sümerpark gedrängt.
Neben den im »Kongreß für eine demokratische Gesellschaft« (DTK) organisierten
kurdischen Zivilorganisationen waren linke Gruppen aus der Westtürkei und
anderen Ländern des Mittleren Ostens aber auch Gäste aus Lateinamerika und
Europa vertreten. In Themenzelten wurde über Ökologie, Jugendarbeit und
Muttersprache diskutiert. Kurdische Schüler, die den Unterricht boykottierten,
weil er nur auf Türkisch stattfindet, kamen in ihren Schuluniformen auf das
Gelände.
Neben der aktuellen Situation in den kurdischen Gebieten der Türkei, Syriens,
des Iran und des Irak spielten der »Arabische Frühling« und der Antrag auf
Anerkennung eines palästinensischen Staates in den Podiumsdiskussionen eine
wichtige Rolle. Aktivisten aus Ägypten, Tunesien und Marokko berichteten über
die Rolle der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften bei den Aufständen.
Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/09-27/017.php
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