Bei der Parlamentswahl im Juni traten die prokurdische »Partei für Frieden
und Demokratie« (BDP), Ihre »Partei der Arbeit«, EMEP, und zahlreiche weitere
linke Organisationen gemeinsam als »Block für Arbeit, Demokratie und Freiheit«
an. Warum soll aus dem Bündnis nun eine Partei werden?
Der Block war eine Möglichkeit, gemeinsam mit unabhängigen
Kandidaten die Zehnprozenthürde zu überwinden und 36 Mandate zu erobern. Doch
als gemeinsame Partei hätten die im Block zusammengeschlossenen Kräfte die
Hürde nicht nur überwinden, sondern auch wesentlich mehr Abgeordnete ins Parlament
schicken können.
Der Block stellt für das türkische und kurdische Volk, für die unterdrückten
und ausgebeuteten Massen, für demokratische und sozialistische Kräfte nicht nur
ein Wahlbündnis dar. Vielmehr hat er sich zu einem politischen Mittelpunkt für
den Kampf um Demokratie weiterentwickelt. Daraus resultierte das Bedürfnis, den
Block zu einer Partei weiterzuentwickeln. Nach den Diskussionen der letzten
Monate hat sich zuerst ein »Demokratischen Kongreß der Völker« gebildet, der am
vergangenen Wochenende in Ankara mit über 800 Delegierten das erste Mal tagte
und auch Menschen einbezieht, die einer gemeinsamen Partei wohl fernbleiben
werden. Eine gewählte 100köpfige Türkei-Versammlung leistet nun die
programmatische und formelle Arbeit. Unser Ziel ist es, zur Kommunalwahl im
Jahre 2014 mit der neuen Partei anzutreten.
Worin wird sich die neue Partei von den etablierten Konkurrenten
unterscheiden?
Es wird eine Organisation sein, die den Kampf gegen
Imperialismus, Kolonialismus und Kriege aufnimmt. Ihr Ziel wird es sein, die
Einheit der Arbeiterklasse, der Werktätigen, der Völker, der unterschiedlichen
kulturellen Identitäten und der Frauen zu erreichen, sowie die Rechte und
Freiheiten zu erkämpfen, die ihnen in der 87jährigen Geschichte der Türkischen
Republik versagt wurden. Sie wird sich für die friedliche Lösung der kurdischen
Frage, für die Gewährung von regionalen Autonomierechten, für die Beendigung
der Unterdrückung von unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften, für Bildung in
unterschiedlichen Muttersprachen, für den Schutz von Umwelt und kulturellen
Reichtümern stark machen. Man kann auch sagen, daß die Türkei-Versammlung eine
Art Volksfront ist, die für die Stärkung der Organisation und des Kampfes der
Ausgebeuteten und Unterdrückten eintritt.
Und wie kommt dieses Projekt in der Öffentlichkeit an?
Wir sehen, daß unsere Arbeit auf großes Interesse und
Begeisterung stößt. Das wurde auf einem Treffen mit Intellektuellen,
Wissenschaftlern und Künstlern vor einigen Wochen in Istanbul deutlich. Zu der
Umweltbewegung, die sich gegen die grenzenlose Erschließung von natürlichen
Lebensräumen durch imperialistische Konzerne einsetzt, haben wir gute Kontakte.
Auf lokaler und regionaler Ebene arbeiten wir mit Verwaltungsstellen von
Gewerkschaften und mit Anwalts- und Ärztekammern eng zusammen. Trotzdem können
wir nicht behaupten, daß die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in erster
Linie auf die Zusammenarbeit mit uns setzt.
Einige größere linke Parteien in der Türkei stehen noch auf Distanz?
Gruppierungen wie die »Partei für Freiheit und Solidarität«
(ÖDP), die Kommunistische Partei der Türkei (TKP) und die Volkshäuser, die
schon beim Wahlbündnis nicht mitmachen wollten, bleiben zurückhaltend. Wir
glauben, daß der eigentliche Grund dafür in ihrer Haltung zur kurdischen Frage
liegt. Sie sehen in uns eine Bewegung, die die kurdische Frage in den
Mittelpunkt stellt. Doch unser Programmentwurf beinhaltet revolutionäre
Lösungsansätze für alle Probleme der Türkei wie Arbeit, demokratische Rechte,
kulturelle Identitäten und Glaubensgemeinschaften, Geschlechtergleichstellung,
Umweltschutz, Jugend. Die kurdische Frage, die seit über drei Jahrzehnten
ungezählte Tote gefordert hat, darf jedoch nicht übergangen werden. Ein
sofortiger Waffenstillstand, die Aufnahme von Gesprächen, die Freilassung von
politischen Gefangenen sind brennende Forderungen.
Das Interview wurde zuerst abgedruckt in der in Köln herausgegebenen
deutsch-türkischen Zeitung Yeni Hayat (Neues Leben)
(c) Junge Welt 2011