Rueckkehr ungewiss
Wunden des Krieges: Die erzwungene Binnenmigration ist heute das
groesste soziale Problem in den kurdischen Landesteilen der Tuerkei. Eine
Reise zwischen Winter und Fruehling
Nick Brauns
Haesslich heben sich die grauen Betonbloecke der Stadt Sirnak vom
dahinterliegenden Massiv des Cudi-Berges ab. Kuehe wuehlen mitten auf der
Strasse in Abfaellen, patrouillierende Panzerwagen richten ihre
Maschinengewehre drohend auf Passanten. Die biblische Arche Noah sei auf dem
Cudi gestrandet, heisst es in der Legende der Stadt, deren Name "Stadt
Noahs" bedeutet. Gestrandet sind hier in den vergangenen 15 Jahren auch
Zehntausende kurdische Fluechtlinge. Von den 53700 Einwohnern Sirnaks
seien 70 Prozent Bauern, die von der tuerkischen Armee aus den Doerfern
der Provinz vertrieben wurden, berichtet Izzet Belge, der Vorsitzende der
seit einem Jahr auch in Sirnak regierenden kurdischen Demokratiepartei
des Volkes (DEHAP).
Ab 1990 wurden die Bewohner der umliegenden Doerfer vor die Wahl
gestellt, ihre Haeuser zu verlassen oder als Dorfschuetzer gegen die PKK, die
Arbeiterpartei Kurdistans, zu kaempfen. Einschuesse an einigen Waenden
erinnern daran, wie die Armee waehrend des Newrozfestes am 21. Maerz
1992 mit Panzern in die Menge schoss und 85 Menschen toetete. Auch heute
noch muss jeder, der Sirnak besucht, einen Kontrollposten der
Militaerpolizei passieren. Waehrend die Vertriebenen ohne Einkommen in ihren
provisorischen Huetten, der Gecekondus, vor sich hinvegetieren oder fuer
acht Euro am Tag auf dem Bau Tageloehnerdienste verrichten, bleiben
ihre entvoelkerten Doerfer militaerisches Sperrgebiet. Erst vor zwei
Monaten wurden dort vier unbewaffnete junge Frauen und ein Mann von der
Armee verschleppt, gefoltert und ermordet. Die Soldaten behaupteten, es
habe sich um im Gefecht getoetete Guerillakaempfer der PKK gehandelt.
Hoffnungslos in den Staedten
Die hoffnungslose Situation der Fluechtlinge in den Staedten und ihr
Wunsch nach Rueckkehr in die Doerfer bleibt das groesste soziale Problem
in den kurdischen Landesteilen der Tuerkei. Eine Kommission des
tuerkischen Parlaments errechnete, dass waehrend der Hochphase des Krieges
gegen die kurdische Guerilla 3428 Doerfer und Weiler zerstoert oder
geraeumt wurden. Nach Informationen kurdischer Organisationen liegt die Zahl
sogar bei ueber 3700. Die Zahl der Vertriebenen wird auf ueber drei
Millionen geschaetzt. "Es war eine unmittelbare erzwungene und
massenhafte Migration, die den Fluechtlingen keinerlei Moeglichkeiten zur
Integration an den Zufluchtsorten liess", beklagt Rechtsanwalt Ahmet Kalpak,
der Vorsitzende des Migrationsvereins Goec Der in Diyarbakir. So wuchs
die Bevoelkerung allein in dieser Stadt von 300000 im Jahr 1990 auf
heute ueber eine Million an. "Woher kommen denn die Millionen Menschen, die
heute in Izmir, Istanbul und anderen westtuerkischen Staedten Newroz
feiern?", gibt auch der DEHAP-Vorsitzende von Siirt, Seracettin Kayran,
zu bedenken.
Zwischen Sirnak und Siirt sind entlang des Weges durch die Berge immer
wieder Ruinen zu sehen. Einschussloecher zeigen, dass ihre Bewohner
nicht freiwillig gingen. Manche Doerfer sind im wahrsten Sinne des Wortes
dem Erdboden gleichgemacht worden. Nur noch Steinhaufen lassen
erkennen, wo einmal Haeuser standen. Mit Kalaschnikows bewaffnete Zivilisten
lungern am Strassenrand herum. Es sind vom tuerkischen Stadt mit Geld
oder Zwang gegen die PKK rekrutierte Dorfschuetzer. Diese kurdischen
Milizen beteiligen sich an Militaeroperationen, vertreiben Anhaenger der
DEHAP aus ihren Doerfern und besetzen anschliessend deren Aecker. Wenige
Tage vor dem diesjaehrigen Newrozfest erschossen Dorfschuetzer in
Kiziltepe nahe der syrischen Grenze einen 13jaehrigen Hirtenjungen, weil er
ihr Dorf betrat. Und in der Provinz von Diyarbakir verletzten
Dorfschuetzer in der folgenden Woche mit Gewehrschuessen einen Buergermeister
und zuendeten sein Haus an, weil er bei der Wahl diesen bisher vom Chef
des Dorfschuetzerclans gehaltenen Posten gewonnen hatte.
Aufgrund seiner politischen Aktivitaeten wurde vor 15 Jahren auch Ahmet
Arslan durch die Maenner des Dorfschuetzers Faik Yilmaz aus seinem Dorf
Salkum Baglar in der Provinz Siirt vertrieben. Die Gebaeude seines
Bauernhofs sind inzwischen eingestuerzt, seine Felder werden von den
Familien der Dorfschuetzer widerrechtlich genutzt. Staatlich unterstuetzte
Rueckkehrprojekte beruecksichtigen allein die Sicherheitsinteressen der
Militaers. Ausschliesslich staatstreue Kurden durften bisher in
geraeumte Doerfer zurueck, und das auch nur dann, wenn diese nicht weiter als
fuenf Kilometer von den Hauptstrassen entfernt liegen. Gelder aus
EU-Hilfsfonds zur Rueckkehr in die Doerfer kaemen daher allein den
Dorschuetzerfamilien zugute, beklagt Arslan, der heute dem Parteirat der DEHAP
angehoert. "Wir brauchen keine finanziellen Hilfen, sondern
Sicherheitsgarantien, um dauerhaft Landwirtschaft betreiben zu koennen." Die
Aufloesung des Dorfschuetzersystems ist daher eine zentrale Forderung. Ein
Sicherheitsrisiko stellen auch die zahlreichen vom Militaer rund um die
verlassenen Doerfer verlegten Landminen dar, fuer deren Raeumung
EU-Gelder erhofft werden. Notwendig sei weiterhin eine allgemeine Amnestie,
die auch den zur Guerilla in die Berge gegangenen Jugendlichen die
Rueckkehr in ihre Doerfer ermoeglicht, so Arslan.
Bis Sommer vergangenen Jahres wurden Rueckkehrer in die Doerfer
gezwungen zu unterschreiben, dass ihre Haeuser von der PKK zerstoert wurden
und sie auf Entschaedigungsansprueche gegenueber dem Staat verzichten.
Ein im Juli 2004 erlassenes Gesetz ueber "Schaeden im Rahmen der
Terrorbekaempfung" sieht dagegen Moeglichkeiten staatlicher
Entschaedigungszahlungen vor. Allerdings ist ungeklaert, wie hoch die Entschaedigungen
ausfallen sollen. Festgelegt wurde vom Staat lediglich, bei Todesfaellen
im Rahmen der sogenannten Terrorbekaempfung den Familien des Getoeteten
eine Entschaedigung von 1000 Dollar zu zahlen. Erschwerend kommt hinzu,
dass das Innenministerium bei Individualklagen Protokolle offizieller
Stellen ueber die Zerstoerungen fordert. Die Taeter muessten also von
sich aus Dokumente ihrer Verbrechen zur Verfuegung stellen. Als
Hauptfortschritt sieht Anwalt Kalpak daher die jetzt moegliche Eroeffnung des
Rechtsweges bis zum Gang vor den Europaeischen Gerichtshof fuer
Menschenrechte an. Da die nach wie vor ungeloeste kurdische Frage der Hauptgrund
der Binnenmigration sei, staenden allerdings nicht die rechtlichen,
sondern soziale und politische Probleme im Vordergrund.
Projekte fuer Frauen
Besonders betroffen von den Folgen der erzwungenen Binnenmigration in
die Staedte sind Frauen. Der Analphabetismus ist hoch, haeufig sprechen
die aus den Doerfern stammenden Frauen nur das im Amtsgebrauch
weiterhin untersagte Kurdisch. Eine Schulausbildung haben diese in der
Landwirtschaft grossgewordenen Frauen meist ebensowenig wie eine
Berufsausbildung. Die Frustration ihrer arbeitslosen Ehemaenner ueber den Verlust
einstiger Autoritaetspositionen innerhalb der Dorfgemeinschaft aeussert
sich nicht selten in physischer Gewalt. Neben der Verbreitung von Drogen
haetten auch die Prostitution und der Frauenhandel in den kurdischen
Staedten besorgniserregend zugenommen, wird mir hinter vorgehaltener Hand
berichtet. Der Staat wuerde dies wohlwollend dulden. Eine aehnliche
Strategie der Counterinsurgency wurde in den USA gegenueber der militanten
Schwarzenbewegung angewendet.
Eine Reihe ziviler Institutionen kuemmern sich mittlerweile um die
Verbesserung der sozialen Situation von Frauen in den von Binnenmigration
besonders betroffenen Gebieten. Das Frauenreferat der von der DEHAP
gestellten Stadtverwaltung von Diyarbakir hat in drei Stadtvierteln
oeffentliche Waeschereien errichtet, die von ueber 2250 Familien genutzt
werden. Dazu kommen oeffentliche Baeckereien mit Lehmoefen, in denen die
Familien ihr Fladenbrot selber backen. Ausschliesslich Maedchen aus
Familien von Fluechtlingen oder politischen Gefangenen werden in einer vom
DEHAP-nahen Frauenzentrum Selis betriebenen Seidenweberei in der fast
ausgestorbenen Technik zur Herstellung traditioneller Pusu-Schals
ausgebildet. Ziel ist es, die jungen Frauen zu ermutigen, anschliessend diese
Produkte in Heimarbeit herzustellen und zu vermarkten, um sich so ein
eigenes Auskommen zu sichern. Das Frauenhaus "Schneegloeckchen" in der
Gemeinde Baglar von Diyarbakir bietet Alphabetisierungskurse in
tuerkischer Sprache an. 40 Frauen zwischen 16 und 70 Jahren haben seit Ende 2004
diese Kurse absolviert, 90 weitere sind momentan eingeschrieben.
Die steigende Zahl von Selbstmorden unter Frauen aus
Fluechtlingsfamilien aufgrund von Kriegstraumatisierung fuehrte zur Eroeffnung der
psychosozialen Beratungsstelle EPIDEM bei der Stadtverwaltung. Die Mehrzahl
der rund 300 im vergangenen Jahr beratenen Frauen kamen heimlich zur
psychologischen Beratung, weil sie physischer Gewalt in ihren Familien
ausgesetzt sind. Die Hilfsmoeglichkeiten sind begrenzt. So gibt es in
Diyarbakir kein einziges Frauenhaus, in der ganzen Tuerkei sind es gerade
einmal elf solcher Zufluchtsorte. Da viele Ehen mit den zum Teil erst
zwoelfjaehrigen Maedchen nur in der Moschee geschlossen wurden, sind sie
nach tuerkischem Recht ungueltig.
Wenn sich die Zwangsehen nicht verhindern liessen, bleibe oft keine
andere Moeglichkeit, als spaeter auf eine amtliche Eheschliessung zu
draengen, um den Frauen und ihren Kindern wenigstens eine rechtliche
Absicherung zu garantieren, erklaert Frauenreferatsleiterin Handan Coskun.
Aenderungen im Strafgesetzbuch sollen die Rechte der Frauen staerken. Doch
die Aktivistinnen der Frauenorganisationen sind skeptisch. Solange
Ministerpraesident Recep Tayyip Erdogan anlaesslich einer am
Internationalen Frauentag von der Polizei brutal auseinandergepruegelten
Demonstration Gewalt gegen Frauen mit einer besonderen Emotionalitaet der
tuerkischen Gesellschaft entschuldigt, blieben die Gesetzesreformen
Sonntagsreden fuer die EU, die in der Realitaet kaum Anwendung finden.
Gerade fuer Frauen in den Hochhaussiedlungen am Stadtrand von
Diyarbakir, wo die Masse der Fluechtlinge lebt, sind die im modernen
Stadtzentrum gelegenen Beratungsstellen kaum zu erreichen, weil sie kein Geld fuer
den Bus haben oder maennliche Familienmitglieder ihnen untersagen, sich
vom Haus zu entfernen. Die unabhaengige Frauenkooperative
"Hoffnungslicht" hat sich daher auf Basisarbeit in den armen Stadtvierteln
spezialisiert. Im Schneeballsystem tragen die zu Stadtviertelmuettern
ausgebildeten Frauen ihr Wissen ueber Kindererziehung von Haustuer zu Haustuer
weiter. Das Ziel sei es, die Kinder auf die Schule vorzubereiten,
erklaert die Leiterin, Naside Buluttekin. Finanziert wird die Arbeit der
Frauenkooperative neben Sachspenden oertlicher Handwerker aus dem Programm
der Weltbank zur Verminderung sozialer Risiken.
Am Tropf der EU
Weil Ankara die von der DEHAP regierten Kommunen von Finanzhilfen
weitgehend ausschliesst, haengen hier viele Projekte am Tropf der EU oder
der Weltbank. Die damit verbundene Abhaengigkeit von imperialistischen
Institutionen wird nur von den wenigsten kritisch gesehen. Lediglich die
linksgerichtete Kammer der Architekten und Ingenieure TIMMOB aeusserte
starke Einwaende gegen die Finanzierung kommunaler Bauprojekte durch
EU-Gelder, berichtet ein bei der Stadtverwaltung von Diyarbakir
angestellter Ingenieur. Tatsaechlich sind die lllusionen ueber einen EU-Beitritt
der Tuerkei riesig. "Es waere eine Katastrophe fuer die Tuerkei, wenn
sie nicht in die EU kommt", meint Seracettin Kayran, der
DEHAP-Vorsitzende von Siirt. In seinen Augen steht die EU fuer Rechtsstaatlichkeit und
wirtschaftliche Entwicklung. Die Alternative sei "eine Diktatur wie
unter Saddam Hussein im Irak". Dass die geplante EU-Verfassung
Neoliberalismus und militaerische Aufruestung fuer alle Mitgliedstaaten zur
Pflicht macht, spielt in der kurdischen Europa-Diskussion ebensowenig eine
Rolle wie die drohende oekonomische Vertreibung weiterer Millionen Kurden
aus ihren Doerfern bei der von der Union geforderten Verminderung des
grossen Agrarsektors der Tuerkei. "Die EU wird uns helfen, mit
wissenschaftlichen Mitteln unsere Landwirtschaft so zu entwickeln, dass unsere
Frauen und Kindern nicht mehr 15 Stunden am Tag auf dem Feld arbeiten
muessen", glaubt Kayran statt dessen.
Oecalans Vorschlag
Indes sorgt das vom ehemaligen PKK-Chef Abdullah Oecalan entwickelte
Konzept eines "Demokratischen Konfoederalismus" fuer manche Debatte: eine
Art Raetesystem aus pyramidenfoermig von unten nach oben aufgebauten
Stadtviertel-, Stadt- und Dorfraeten, das als Alternative zum
Nationalstaat gedacht ist. Ueberall auf den diesjaehrigen Newrozfesten war bereits
die gruene Flagge mit gelber Sonne und rotem Stern als Symbol der
Bewegung fuer einen Demokratischen Konfoederalismus zu sehen. Dieser
juengste Vorschlag des auf der Gefaengnisinsel Imrali Inhaftierten sorgt fuer
lebhafte Diskussionen unter den DEHAP-Aktivisten. Der 21jaehrige
Uebersetzer Mehmet haelt dessen Ideen fuer utopisch und befuerwortet eine
demokratische Republik Tuerkei mit Minderheitenrechten fuer die Kurden.
Der Student Ali sieht dagegen in Oecalans Vorschlag ein eigenstaendiges
Entwicklungsmodell fuer den Mittleren Osten jenseits der westlichen
"Rezepte" Kapitalismus und Sozialismus. So haetten die Kurden und ihre
Vorfahren schon immer Clansysteme und einen Konfoederalismus der
Volksstaemme einem zentralstaatlichen Modell vorgezogen.
Die Diskussion wird sicherlich auch auf dem Ende Mai in Diyarbakir
erstmals stattfindenden Sozialforum des Mittleren Ostens weitergefuehrt.
"Unser Ziel ist es, die weltweite Globalisierungskritik auch im Mittleren
Osten zu etablieren", erklaert Ihsan Babaoglu, der Vorsitzende der
Lehrergewerkschaft Egitim-Sen in Diyarbakir, die neben 31 anderen
Organisationen zum Vorbereitungskomitee dieses Forums gegen Krieg und
kapitalistische Globalisierung gehoert. "Die Kurden bleiben die Avantgarde der
Demokratisierung im Mittleren Osten – trotz der Kollaboration mit den USA
in Suedkurdistan." Und auch der Gewerkschaftschef befuerwortet einen
EU-Beitritt, von dem er sich einen Demokratisierungsschub erhofft. Einzig
der alte Teppichhaendler in seinem Laden vor der Grossen Moschee meint
lakonisch: "Wir sind hier arm. Und arme Voelker haben in der EU keinen
Platz."
Den Artikel finden Sie unter:
http://www.jungewelt.de/2005/04-09/033.php