Der in Köln lebende türkischstämmige Schriftsteller Dogan
Akhanli ist am Mittwoch von einem Gericht in Istanbul vom Vorwurf der
Beteiligung an einem politisch motivierten Raubmord freigesprochen worden.
Zuvor hatten schon die Söhne des Opfers ausgesagt, daß Akhanli nicht der Mörder
ihres Vaters sei. Während die Staatsanwaltschaft trotzdem eine erschwerte
lebenslange Freiheitsstrafe gefordert hatte, folgte das Gericht am vierten
Verhandlungstag dem Antrag der Verteidiger auf Freispruch. »Der Spuk ist
vorbei«, erklärte Verteidiger Haydar Erol nach der Urteilsverkündung. Akhanli,
gegen den seit Ende letzten Jahres ein Einreiseverbot in die Türkei besteht,
hatte an der Verhandlung nicht teilgenommen.
Der Schriftsteller war als linker Aktivist unter der
Militärdiktatur in den 80er Jahren bereits zwei Jahre inhaftiert und dabei auch
gefoltert worden. 1991 floh er nach Deutschland, wo er als politischer
Flüchtling anerkannt wurde und später die deutsche Staatsbürgerschaft annahm.
Dogan Akhanli, der 2009 den Literaturpreis der großen türkischen Tageszeitung
Hürriyet erhielt, engagierte sich dafür, die Erinnerung an die Genozide des 20.
Jahrhunderts wachzuhalten. Auch sein 1999 erschienener Roman »Die Richter des
jüngsten Gerichts« thematisierte den vom türkischen Staat bis heute geleugneten
Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg.
Offensichtlich war es dieses Engagement, das den Schriftsteller ins Fadenkreuz
der türkischen Justiz geraten ließ. Als Akhanli am 10. August 2010 in die
Türkei reiste, um seinen todkranken Vater zu besuchen, wurde er festgenommen.
Ihm wurde vorgeworfen, an einem Raubüberfall einer linken Gruppe auf eine
Istanbuler Wechselstube im Oktober 1989 beteiligt gewesen zu sein, bei dem ein
Mensch erschossen wurde. Akhanli bestritt jede Verwicklung. Eine ihn belastende
Zeugenaussage war 1992 unter nachweislich schwerer Folter erpreßt und später
widerrufen worden.
Für Akhanli hatten sich Politiker wie die innenpolitische Sprecherin der
Linksfraktion im Bundestag, Ulla Jelpke, und die Grünen-Vorsitzenden Cem
Özdemir und Claudia Roth, sowie Schriftsteller wie Günter Wallraff stark
gemacht. Aufgrund dieser internationalen Solidarität wurde der Schriftsteller
zu Beginn des Prozesses im Dezember 2010 aus der Untersuchungshaft entlassen.
Nach Angaben des türkischen Journalistenverbandes sind in dem Land noch immer
rund 60 weitere Journalisten und Schriftsteller in Haft – mehr als in jedem
anderen Staat der Erde. Gegen Tausende linke, prokurdische oder laizistische
Autoren wurden Ermittlungsverfahren wegen Verstößen gegen das sogenannte
Antiterrorgesetz eingeleitet. So wurde die Redakteurin der kurdischsprachigen
Tageszeitung Azadiya Welat, Emine Demir, Ende vergangenen Jahres wegen
angeblicher PKK-Propaganda zu 138 Jahren Haft verurteilt.
Besonderer Verfolgung sehen sich Schriftsteller ausgesetzt, die Kritik an der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen äußern, die inzwischen große Teile des türkischen Staates kontrolliert. Der ehemalige Polizeioffizier Hanefi Avci, der ein Buch über die Unterwanderung der Polizei durch die Gülen-Anhänger verfaßt hatte, befindet sich ebenso in Haft wie der bekannte Enthüllungsjournalist Ahmet Sik, dessen Buch »Die Armee des Imam« noch vor Erscheinen verboten wurde. Sik und dem mit ihm zusammen verhafteten Mitarbeiter der laizistischen Tageszeitung Milliyet, Ahmet Sener, die sich insbesondere um die Aufdeckung von Aktivitäten des sogenannten tiefen Staates aus Militärs, Geheimdiensten und Faschisten verdient gemacht hatten, wird nun selber eine Verwicklung in ein »Ergenekon« genanntes Putschistennetzwerk vorgeworfen.
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