Staatlich inszenierter "Patriotismus"
Eine Woche nach weitgehend friedlich verlaufenen Newroz-Festen wird
Tuerkei von Welle antikurdischen Chauvinismus erschuettert
Nick Brauns, Diyarbakir
Derzeit wird die Tuerkei wieder einmal von einer staatlich
organisierten antikurdischen Propagandawelle ueberzogen. Ausloeser war eine vor
laufenden Fernsehkameras in der Stadt Mersin waehrend einer
Newroz-Demonstration zu Boden geworfe tuerkische Fahne. Als ein Mann den Gruss der
faschistischen Grauen Woelfe zeigte, kam es zum Gerangel, in dessen
Verlauf seine tuerkische Fahne zu Boden fiel. Ein Junge, dem die Fahne
anschliessend von einem Unbekannten in die Hand gedrueckt wurde, warf sie
weg, als Polizisten eingriffen.
Die tuerkische Regierung, der Generalstab und die
tuerkisch-nationalistische Presse nutzen den Vorfall seitdem fuer eine nationalistische
Kampagne gegen die Kurden. "Die tuerkischen Streitkraefte sind wie ihre
Vorfahren bereit, ihren letzten Blutstropfen zu opfern, um das Vaterland
und seine Fahne zu verteidigen", erklaerte die Armeefuehrung.
Faelschlicherweise wurde in der Presse berichtet, die Fahne sei verbrannt worden.
Aksam und andere Tageszeitungen wollen hinter dem Vorfall sogar "ein
Komplott auslaendischer Maechte" gegen die Tuerkei sehen.
Die Polizei verhaftete den 13jaehrigen Jungen, der die Fahne auf dem
Boden fallen liess, auf einem Schulhof und brachte ihn zusammen mit einem
14jaehrigen zum Verhoer in die Antiterrorabteilung der Polizei von
Mersin. Vier weitere Minderjaehrige wurden ebenfalls im Zusammenhang mit
dem Fahnenvorfall festgenommen. Die Anschuldigung lautet auf "Rufen von
Parolen im Namen einer separatistischen Organisation, Steine werfen auf
Sicherheitskraefte, Angriff auf die tuerkische Fahne sowie
Durchfuehrung illegaler Strassendemonstrationen mit terroristischen Zielen".
Die kurdische Demokratiepartei des Volkes (DEHAP) und andere
zivilgesellschaftliche Organisationen werten den Fahnenvorfall als bewusst
angelegte Provokation des Staates. Alladdin Dincer, der Vorsitzende der
tuerkischen Lehrergewerkschaft Egitim-Sen, warnte vor der Entfachung eines
Buergerkrieges zwischen Kurden und Tuerken.
Auch Murat Karayilan von der Fuehrung des Kongra-Gel rief angesichts
des vom Generalstab ausgeloesten "Sturms im Wasserglas" zur Besonnenheit
auf. Der Vorfall von Mersin sei als Reaktion des Staates auf die
millionenfache Beteiligung an Newroz zu betrachten. Laut einer polizeilichen
Stellungnahme wurden waehrend der Newroz-Feierlichkeiten landesweit 23
Personen festgenommen, weil sie sich an illegalen Demonstrationen
beteiligt und dabei oeffentliche Gebaeude angegriffen haben sollen. Wie der
Lokalsender Guen TV in Diyarbakir meldete, wurde inzwischen auch
Anklage gegen fuenf Teilnehmer einer norwegischen Menschenrechtsdelegation
erhoben, weil sie auf einem Newroz-Fest separatistische Parolen gerufen
haetten.
In mehreren Staedten kam es in den vergangenen Tagen auch zu
Anschlaegen unbekannter Taeter auf Bueros der kurdischen Demokratiepartei des
Volkes (DEHAP). Vor allem in den kurdischen Landesteilen wurde vom
Militaer angewiesen, oeffentliche Gebaeude und Offizierswohnungen, aber auch
Laeden mit tuerkischen Fahnen zu beflaggen. Landesweit veranstalteten
staatliche Stellen zusammen mit nationalistischen Parteien wie den Grauen
Woelfen der MHP Fahnenmaersche. In der kurdischen Metropole Diyarbakir
stellten neben zwangsweise dorthin befohlenen Staatsbeamten Soldaten in
Zivilkleidung die Masse der Teilnehmer. Einige Schulklassen bekamen zur
Teilnahme an den Demonstrationen schulfrei.
Den Artikel finden Sie unter:
http://www.jungewelt.de/2005/03-29/005.php