"Wir wurden angerempelt, beschimpft und geschlagen"
Tuerkisches Militaer ging massiv gegen Demonstranten vor. jW-Autor
wurde verhaftet und nach drei Tagen abgeschoben. Ein Gespraech mit Martin
Dolzer
Interview: Gerd Schumann
* Martin Dolzer, Wissenschaftspolitischer Referent des AStA der
Hochschule fuer Wirtschaft und Politik in Hamburg, reiste im Maerz mit einer
Delegation der "Lebenden Schutzschilde" in den kurdischen Suedosten der
Tuerkei, um von dort auch fuer die junge Welt zu berichten. Er wurde
verhaftet und am Sonntag aus Istanbul nach Deutschland abgeschoben.
F: Sie wurden im vergangenen Monat in den kurdischen Gebieten der
Tuerkei verhaftet. Warum?
Ich habe an einer Demonstration der "Lebenden Schutzschilde"
teilgenommen. Das war angeblich ein Verstoss gegen das Demonstrationsrecht. Mit
dieser friedlichen Aktionsform engagieren sich Organisationen und
Parteien in der Tuerkei fuer eine friedliche und demokratische Loesung des
kurdisch-tuerkischen Konflikts. In diesem Jahr fanden schon mehrere
derartige Aktionen statt. Jedesmal wurden die Teilnehmer widerrechtlich
festgenommen. Momentan fuehrt das Militaer die massivsten Operationen gegen
Guerilla und Zivilbevoelkerung seit sechs Jahren durch. Dabei wird mit
Napalm und Brandstiftung auch massiv die Umwelt zerstoert.
F: Wie und wo kam es zur Verhaftung?
Auf dem Weg zu einem Dorf in den Bergen wurde die Kolonne der
Friedensaktivisten von Soldaten gestoppt. Einer von sechs Bussen mit 20 Insassen
wurde von den anderen separiert. Fuer mich persoenlich eskalierte die
Situation, nachdem ich verlangte, mit den Gefangenen sprechen zu
koennen. Wir wurden zehn Stunden in einer Polizeistation festgehalten,
angerempelt, beschimpft und geschlagen. Der Haftrichter entschied dann, dass
alle Verhafteten am naechsten Tag freigelassen werden sollen.
F: Ein glimpfliches Ende, sollte man meinen. Doch offensichtlich nicht
fuer Sie?
27 von uns wurden am naechsten Tag erneut verhaftet und muessen nun mit
Folter und einmonatigem Gefaengnisaufenthalt rechnen. Ich wurde schon
in der Nacht von der Restgruppe getrennt und schliesslich aus dem
Gefaengnis heraus brutal in ein Auto gezerrt.
F: Waren die Taeter uniformiert?
Nein, sie trugen Zivil. Auf meine Fragen gab es keine Antwort. Sie
fuhren mit mir ueber Nebenstrassen und Feldwege und sagten nicht, wohin
sie mich bringen.
F: Was haben Sie in dem Moment gedacht?
In der Vergangenheit sind ziemlich viele Menschen im Zusammenhang mit
dem kurdisch-tuerkischen Konflikt verschwunden und nie wieder
aufgetaucht. Das waren fast immer Kurden; ich glaube, meine Verschleppung diente
vor allem zur gezielten Einschuechterung. Schliesslich wurde ich zur
Auslaenderpolizei nach Mardin gebracht, wo man mir mitteilte, dass ich
abgeschoben werde. Nach der Uebernachtung auf einer Polizeistation, wo es
keine Schlafmoeglichkeit gab, wurde ich zwoelf Stunden von mehreren
Personen verhoert. Mir wurde Raedelsfuehrerschaft und die Mitgliedschaft
in einer terroristischen Vereinigung unterstellt. Ich konnte weder
einen Anwalt anrufen noch telefonieren, ich wurde staendig verhoert und war
30 Stunden ohne Schlaf.
F: Wie endete das?
Am Abend des zweiten Verhoertages kamen zwei hoehere Beamte. Auch sie
versuchten, mir einen Bezug zum Terrorismus zu unterstellen. Ich wurde
letztlich in einer 20stuendigen Fahrt per Bus nach Istanbul gebracht –
neben mir ein Polizist, der staendig seine Waffe zeigte. Von Istanbul
aus wurde ich nach Hamburg abgeschoben.
F: Wollen Sie sich jetzt von hier aus gegen diese Behandlung zur Wehr
setzen?
Ich werde rechtliche Schritte einleiten und gehe, falls noetig, bis zum
Europaeischen Menschenrechtsgerichtshof.
F: Was geschah mit den anderen?
Ueber die 27 Verhafteteten unserer Gruppe hinaus wurden in Adana 70
Demonstranten brutal verpruegelt und verhaftet; eine ueber 60jaehrige Frau
wurde schwer verletzt. Ich mache mir grosse Sorgen um die Verhafteten,
sie haben weit mehr zu befuerchten als das, was mir widerfuhr. In der
Tuerkei werden die Menschenrechte noch immer mit Fuessen getreten.
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http://www.jungewelt.de/2005/04-06/022.php