Während die türkische Armee nach Medienberichten eine
Bodenoffensive gegen mutmaßliche Stellungen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK)
im Nordirak vorbereitet, fühlen sich viele Kurden im Südosten der Türkei an den
Staatsterror der 1990er Jahre erinnert.
Türkische Behörden und Medien beschuldigten am Dienstag die PKK, die
hochschwangere Zivilistin Mizgin Doru und ihre vierjährige Tochter in Batman
erschossen zu haben. Unterdessen verhielten sich Polizei und Militär bei der
Trauerfeier in Örmegöz, dem Heimatdorf der Getöteten, wie Besatzer. Soldaten
mit Maschinengewehren standen auf den Dächern und umliegenden Hügeln, den Blick
auf das Dorf gerichtet. Vor dem Trauerhaus stand etwa ein halbes Dutzend
Zivilpolizisten. Die Trauerfeier sollte nicht zum »Serhildan«, so das kurdische
Wort für Volksaufstand, ausarten. »Sie wollen nicht, daß wir hierher kommen.
Sie prägen sich jedes Gesicht ein. Aber wir sind trotzdem hier«, sagte eine
Teilnehmerin mit Blick auf Polizei und Militär gegenüber junge Welt.
Neben Angehörigen und Nachbarn waren Vertreter der Partei für Frieden und Demokratie
(BDP) und des Frauenrats aus dem wenige Kilometer entfernten Batman erschienen.
Augenzeugen hatten der offiziellen türkischen Version widersprochen. Dies
berichteten sowohl die kurdische Nachrichtenagentur Firat als auch
BDP-Politiker, die Überlebende der Schießerei im Krankenhaus besucht hatten.
Dort lag auch das Baby der Toten, das durch Kaiserschnitt gerettet werden
konnte, in einem Inkubator.
Die türkischen Sicherheitsbehörden hatten die Bluttat in der Nacht zum Dienstag
als von der PKK eröffneten Schußwechsel mit der Polizei dargestellt, dem Mizgin
Doru und ihre Tochter zum Opfer gefallen seien. Ein Polizeifahrzeug verfolgte
demnach drei mutmaßliche PKK-Guerillas, die daraufhin zu schießen angefangen
hätten. Die zivilen Opfer hätten sich zufällig mit ihrem Wagen in der Nähe
befunden, teilte die Polizei mit. Die drei kurdischen Aufständischen seien
wenig später in einem leerstehenden Gebäude erschossen worden. Danach wütete
eine Spezialeinheit der Polizei weiter in der Stadt, zerschoß Fensterscheiben
und beschimpfte die Anwohner.
Die überlebenden Zivilisten, darunter der Ehemann von Mizgin Doru und ein
schwer traumatisiertes Kind, sagten dagegen laut BDP und Firat News, die
Polizei habe das Feuer eröffnet. Außerdem seien die Schüsse auf das Zivilfahrzeug
und der Schußwechsel der Guerillakämpfer mit der Polizei zwei getrennte
Ereignisse gewesen. Es gebe sowohl einen räumlichen als auch einen zeitlichen
Abstand dazwischen. Letzterer wurde von verschiedenen Zeugen mit zwei bis zehn
Minuten angegeben. Die Orte, die sich jW-Korrespondenten zeigen ließen, liegen
bei normalem Tempo etwa zwei Autominuten voneinander entfernt.
Nach dem Totengebet in Örmegöz machte eine BDP-Vertreterin die türkische
Regierungspartei AKP für den Tod der Zivilistinnen verantwortlich. »Die AKP
will keine friedliche Lösung«, sagte sie. Dafür sprächen auch die Verhaftungen
zahlreicher BDP-Bürgermeister in den kurdischen Gebieten wegen angeblicher
PKK-Unterstützung.
»Wir haben hier alle Angst«, sagte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung von
Batman. »Wir kehren in die 90er Jahre zurück.« Damals waren willkürliche
Verhaftungen, Folter und Morde an politischen Aktivisten durch unbekannte Täter
in Batman an der Tagesordnung.
»Das war die Poizei, nicht die Guerilla«, bekräftigte ein junger Mann im
Warteraum des Busbahnhofs von Batman beim Anblick der Nachrichtenbilder vom
Tatort. Die anderen Fahrgäste nicken. Die PKK hat erst vor wenigen Tagen die
versehentliche Tötung von Zivilistinnen in Siirt als schrecklichen Fehler
zugegeben und sich beim Volk entschuldigt. Der Vorfall war ein Schock, machte
aber nach Ansicht vieler Kurden auch deutlich, daß die PKK so etwas nicht
vertuschen würde. Das Fernsehen zeigt Patronenhülsen auf der Straße. Dann ist
ein winziges Baby in einem Inkubator auf dem Bildschirm zu sehen.
Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/09-29/015.php
(c) Junge Welt 2011