Akin Birdal: „Der Kampf geht weiter“

  Zunächst wurde auf ihn 1997 ein Attentat verübt. Bevor er gesund wurde bekam er eine Haftstrafe wegen seiner Schriften und Redebeiträge. Trotzdem hat er seine Hoffnung und Widerstandskraft nicht verloren. Die Zeit im Gefängnis nutzte zum Schreiben und zum Lesen. In November werden drei Bücher von ihm erscheinen. In seinen Büchern thematisiert er: Situation der Menschenrechte, Demokratisierung, Frieden und Völkerfreundschaft. Nachdem Akin Birdal aus der Haft entlassen wurde, führten wir ein Interview mit ihm. Akin Birdal ist der Vorsitzende des Menschenrechtsvereins IHD (Insan Haklari Dernegi).

Am 3. Juli 1999 wurden Sie inhaftiert. Wie ist die Zeit dort vergangen?

Ich habe nichts anderes gemacht als all die anderen politischen Häftlinge. Viel gelesen, geschrieben, spazieren gegangen und viel Zeit gehabt um nachzudenken. In einem ‘Garten’ zwischen 4 Wänden, 16 Schritte lang und sieben Schritte breit bin ich hin- und hergelaufen. Wenn ich die Erlaubnis gehabt hätte, wäre es möglich gewesen, diesen ’Garten’ zu begrünen. Ich habe morgens und abends immer wieder den Beton bewässert. Ich habe von meinem Freund Selahattin Esmer einen Schlauch erhalten. Ich habe immer wieder diesen Beton bewässert, dieser ist jedoch nicht grün geworden.

Während Ihrer Gefangenschaft wurden Sie mit Handschellen gefesselt.  
Was haben Sie empfunden?

Auf dem Weg ins Krankenhaus und zur Verhandlung wurde ich gefesselt und mit Ketten am Fahrzeug festgemacht. Da ich ein politischer Gefangener war, mußte eine Woche lang im Gefängnis mit Handschellen herumlaufen. Ein Mensch fühlt sich in solch einer Lage erniedrigt. Ich bin ein Intellektueller, ein Mensch, ein Menschenrechtsvertreter, und ich bin wegen meiner Auffassung inhaftiert und gefesselt worden. In unserer Zelle war ein Student, der nicht an einem Examen teilnehmen wollte, weil er sich seinen Freunden nicht mit Handschellen zeigen wollte.

Wie war die Geschichte mit der Pflanze?

Von der IHD-Leitung habe ich eine Topfpflanze erhalten. Die Gefängnisleitung hatte die Erde aus dem Topf genommen und mir nur die Blume und den Topf übergeben. Von Frau Leyla Zana habe ich etwas Erde und ein paar Blumen bekommen. Später haben die anderen politischen Gefangenen mir weitere Blumen geschickt. Ich habe alles unternommen, um diese Blume am Leben zu erhalten. Dies ist mir aber leider nicht gelungen. Ich habe die Wand gewaschen und die Staubkrümel als Erde aufgesammelt. Die Blume ist verwelkt. Dann habe ich die Blume in eine Ecke gestellt, und sie immer wieder der Gefängnisleitung gezeigt, damit sie verstehen, wie ihre Beziehungen zu einem lebendem Wesen ist. Vor einer Woche hat sie ihren Widerstand gezeigt und ist wieder erblüht. Gestern habe ich sie mit aus dem Gefängnis genommen. Jetzt blüht sie mit den anderen Blumen.

Was fühlten sie als die Blume wieder grün wurde?

Die Blume ist für die anderen Gefangenen ein Symbol für die Hoffnung geworden. Sie sagen: „Wir werden noch hier sein, aber eines Tages werden wir wie diese Blume frei kommen. Trotz allem werden wir die Hoffnung nicht aufgeben“. Diese Blume ist für uns zu einem Widerstandssymbol geworden!

Sie haben im Gefängnis drei Bücher geschrieben. Erörtern Sie bitte die Themen.

An einem 3. Juni (1999) wurde ich inhaftiert. An diesem Tag, an einem dritten Juni, starb Nazim Hikmet. Nazim Hikmet war 1938 auch im Zentralgefängnis Ankara inhaftiert. Von diesem Tag an habe ich mir bis zum 25. September 1999 jeden Tag Notizen gemacht. Eins dieser Bücher wird ‘Notizen aus Ulucanlar’ heißen (Ulucanlar ist der Name des Gefängnisses).
Das Zweite wird aus Kurzgeschichten bestehen, das die Sehnsucht der Menschen für kollektive und pluralistische Gesellschaftsformen mit Eigeninitiative darstellt. In dieser Zeit habe ich Kurzgeschichten, unter anderem von Adnan Özyalciner gelesen. Außerdem habe ich alle Kunst-, Literatur- und Kulturzeitschriften gelesen. Bis heute hat man unsere Politik nicht beachtet. Vielleicht nimmt man unsere Literatur wahr.
Das Buch wird, wie eine dieser Kurzgeschichten heißen. Bis jetzt habe ich mir den Titel ‘Betula’ überlegt. ‘Betula’ ist ein Baum, der in der Volkssprache als ‘Hus’ bekannt ist. Wenn man ihn pflanzt, sieht man, daß er nicht wie andere Bäume braun wird. Dadurch fällt er auch weniger auf. Umso größer der Baum wird, desto weißer wird er. Das Weiße verteilt sich vom Stamm aus bis an die letzten Äste. Dann wird er sehr auffällig, und jeder sieht ihn, den Baum ‘Betula’. So wie das Verschieden-Sein zum Menschen gehört, sind auch Bäume verschieden. Sie erzählen uns ihr Dasein, ihre Namen und ihre Kultur. Das Buch behandelt das Thema vom ‘Verschieden-Sein’. Das dritte Buch handelt von Hoffnung, Kampf und Liebe.

Wie bewerten Sie die Entwickluneng in der Türkei in der Zeit als Sie im Gefängnis waren?

Das Erdbeben hat uns alle erschüttert. Am gleichem Tag des August-Erdbebens in Izmit habe ich der Gefängnisleitung mitgeteilt, daß wir Blut spenden wollen. Wir haben aber keine Antwort erhalten. Außerdem waren meine Schwiegereltern in Izmit. Drei unserer Freunde, von mir und die meiner Frau sind gestorben, ihre Häuser sind zerstört. Dieses Erdbeben hat wichtige Erkenntnisse, über die Unfähigkeit des Staates zu helfen mit sich gebracht. Das Vertrauen der Menschen auf die Fähigkeiten, auf die ‘Heiligkeit’ des Staates wurde erschüttert.  
Ein weiteres Thema waren zwei neuverabschiedete Gesetze: Es gibt zwei Gründe, weshalb das ‘Sozialsicherungsgesetz’ und das Gesetz der ‘Internationalen Gerichtsbarkeit’ (Tahkim Gesetz) verabschiedet wurden. Das erste ist die eindeutige Darlegung der wirtschaftlichen und politischen Absicht der Regierenden. Zweitens, es gibt im Moment kein ernsthaftes einheitliches Vorgehen der Organisationen der Arbeit (und der Arbeiter), die den nötigen Druck ausüben könnten.

 Wie wollen sie Ihr Leben weiterführen? Haben Sie bestimmte Pläne?

Ich habe keine bestimmten Pläne, aber ich werde auch nichts anderes machen als das, was ein Intellektueller und Menschenrechtler machen muß. Ich habe bei der Jubiläumsfeier des IHD (Menschenrechtsverein) ein Interview gegeben, das in ‘Evrensel’ erschienen ist; dort habe ich angedeutet wie es weitergehen wird. Das, was ich im Gefängnis gemacht habe, werde ich auch jetzt weitermachen. Für mich hat ein Mensch dann nur Bedeutung und Gewicht, wenn er seine Stimme gegen alles Unrechte erhebt. Genau das werde ich machen. Diesen Kampf führe ich und werde ihn auch weiterführen. (Evrensel 28.09.99)