Am 3. Juli 1999 wurden Sie inhaftiert. Wie ist die Zeit dort vergangen?
Ich habe nichts anderes gemacht als all die anderen politischen Häftlinge. Viel gelesen, geschrieben, spazieren gegangen und viel Zeit gehabt um nachzudenken. In einem ‘Garten’ zwischen 4 Wänden, 16 Schritte lang und sieben Schritte breit bin ich hin- und hergelaufen. Wenn ich die Erlaubnis gehabt hätte, wäre es möglich gewesen, diesen ’Garten’ zu begrünen. Ich habe morgens und abends immer wieder den Beton bewässert. Ich habe von meinem Freund Selahattin Esmer einen Schlauch erhalten. Ich habe immer wieder diesen Beton bewässert, dieser ist jedoch nicht grün geworden.
Während Ihrer
Gefangenschaft wurden Sie mit Handschellen gefesselt.
Was haben Sie empfunden?
Auf dem Weg ins
Krankenhaus und zur Verhandlung wurde ich gefesselt und mit Ketten am Fahrzeug
festgemacht. Da ich ein politischer Gefangener war, mußte eine Woche lang im
Gefängnis mit Handschellen herumlaufen. Ein Mensch fühlt sich in solch einer
Lage erniedrigt. Ich bin ein Intellektueller, ein Mensch, ein
Menschenrechtsvertreter, und ich bin wegen meiner Auffassung inhaftiert und
gefesselt worden. In unserer Zelle war ein Student, der nicht an einem Examen
teilnehmen wollte, weil er sich seinen Freunden nicht mit Handschellen zeigen
wollte.
Wie war die Geschichte mit der Pflanze?
Von der IHD-Leitung habe ich eine Topfpflanze erhalten. Die Gefängnisleitung hatte die Erde aus dem Topf genommen und mir nur die Blume und den Topf übergeben. Von Frau Leyla Zana habe ich etwas Erde und ein paar Blumen bekommen. Später haben die anderen politischen Gefangenen mir weitere Blumen geschickt. Ich habe alles unternommen, um diese Blume am Leben zu erhalten. Dies ist mir aber leider nicht gelungen. Ich habe die Wand gewaschen und die Staubkrümel als Erde aufgesammelt. Die Blume ist verwelkt. Dann habe ich die Blume in eine Ecke gestellt, und sie immer wieder der Gefängnisleitung gezeigt, damit sie verstehen, wie ihre Beziehungen zu einem lebendem Wesen ist. Vor einer Woche hat sie ihren Widerstand gezeigt und ist wieder erblüht. Gestern habe ich sie mit aus dem Gefängnis genommen. Jetzt blüht sie mit den anderen Blumen.
Was fühlten sie als die Blume wieder grün wurde?
Die Blume ist für
die anderen Gefangenen ein Symbol für die Hoffnung geworden. Sie sagen: „Wir
werden noch hier sein, aber eines Tages werden wir wie diese Blume frei kommen.
Trotz allem werden wir die Hoffnung nicht aufgeben“. Diese Blume ist für uns
zu einem Widerstandssymbol geworden!
Sie haben im Gefängnis drei Bücher geschrieben.
Erörtern Sie bitte die Themen.
An einem 3.
Juni (1999) wurde ich inhaftiert. An diesem Tag, an einem dritten Juni, starb
Nazim Hikmet. Nazim Hikmet war 1938 auch im Zentralgefängnis Ankara inhaftiert.
Von diesem Tag an habe ich mir bis zum 25. September 1999 jeden Tag Notizen
gemacht. Eins dieser Bücher wird ‘Notizen aus Ulucanlar’ heißen (Ulucanlar
ist der Name des Gefängnisses).
Das Zweite wird
aus Kurzgeschichten bestehen, das die Sehnsucht der Menschen für kollektive und
pluralistische Gesellschaftsformen mit Eigeninitiative darstellt. In dieser Zeit
habe ich Kurzgeschichten, unter anderem von Adnan Özyalciner gelesen. Außerdem
habe ich alle Kunst-, Literatur- und Kulturzeitschriften gelesen. Bis heute hat
man unsere Politik nicht beachtet. Vielleicht nimmt man unsere Literatur wahr.
Das Buch wird,
wie eine dieser Kurzgeschichten heißen. Bis jetzt habe ich mir den Titel
‘Betula’ überlegt. ‘Betula’ ist ein Baum, der in der Volkssprache als
‘Hus’ bekannt ist. Wenn man ihn pflanzt, sieht man, daß er nicht wie andere
Bäume braun wird. Dadurch fällt er auch weniger auf. Umso größer der Baum
wird, desto weißer wird er. Das Weiße verteilt sich vom Stamm aus bis an die
letzten Äste. Dann wird er sehr auffällig, und jeder sieht ihn, den Baum ‘Betula’.
So wie das Verschieden-Sein zum Menschen gehört, sind auch Bäume verschieden.
Sie erzählen uns ihr Dasein, ihre Namen und ihre Kultur. Das Buch behandelt das
Thema vom ‘Verschieden-Sein’. Das dritte Buch handelt von Hoffnung, Kampf
und Liebe.
Wie bewerten Sie die Entwickluneng in der Türkei in der Zeit als Sie im
Gefängnis waren?
Das Erdbeben
hat uns alle erschüttert. Am gleichem Tag des August-Erdbebens in Izmit habe
ich der Gefängnisleitung mitgeteilt, daß wir Blut spenden wollen. Wir haben
aber keine Antwort erhalten. Außerdem waren meine Schwiegereltern in Izmit.
Drei unserer Freunde, von mir und die meiner Frau sind gestorben, ihre Häuser
sind zerstört. Dieses Erdbeben hat wichtige Erkenntnisse, über die Unfähigkeit
des Staates zu helfen mit sich gebracht. Das Vertrauen der Menschen auf die Fähigkeiten,
auf die ‘Heiligkeit’ des Staates wurde erschüttert.
Ein weiteres
Thema waren zwei neuverabschiedete Gesetze: Es gibt zwei Gründe, weshalb das
‘Sozialsicherungsgesetz’ und das Gesetz der ‘Internationalen
Gerichtsbarkeit’ (Tahkim Gesetz) verabschiedet wurden. Das erste ist die
eindeutige Darlegung der wirtschaftlichen und politischen Absicht der
Regierenden. Zweitens, es gibt im Moment kein ernsthaftes einheitliches Vorgehen
der Organisationen der Arbeit (und der Arbeiter), die den nötigen Druck ausüben
könnten.
Wie wollen sie Ihr Leben weiterführen? Haben Sie bestimmte Pläne?
Ich habe keine bestimmten Pläne, aber ich werde auch nichts anderes machen als das, was ein Intellektueller und Menschenrechtler machen muß. Ich habe bei der Jubiläumsfeier des IHD (Menschenrechtsverein) ein Interview gegeben, das in ‘Evrensel’ erschienen ist; dort habe ich angedeutet wie es weitergehen wird. Das, was ich im Gefängnis gemacht habe, werde ich auch jetzt weitermachen. Für mich hat ein Mensch dann nur Bedeutung und Gewicht, wenn er seine Stimme gegen alles Unrechte erhebt. Genau das werde ich machen. Diesen Kampf führe ich und werde ihn auch weiterführen. (Evrensel 28.09.99)