Bildung mit Barrieren in den OHAL-Gebieten

Das Schuljahr 2000/2001 fängt in den OHAL-Gebieten (überwiegend von der kurdischen Bevölkerung besiedelte Gebiete im Osten der Türkei, in denen der Ausnahmezustand herrscht) mit großen Schwierigkeiten an. Nach einer Erklärung der Gewerkschaft Egit-Sen (Pendant zu GEW) sind seit 1986 keine Schulen mehr gebaut worden, an den Gymnasien ist die Anzahl der Schüler doppelt so wie die normale Kapazität.

Hayrettin Altun, der Sprecher der Gewerkschaft Egit-Sen von Diyarbakir berichtet, dass die Lage sich im Vergleich zu den Jahren zuvor erheblich verschlechtert hat. Ein wichtiger Grund hierfür ist Vertreibung der Menschen aus ihren Dörfern. 4.500 Dorfschulen stehen leer, da es keine Lehrer in den Ortschaften gibt, deshalb kommen die Menschen massenweise nach Diyarbakir.

In Diyarbakir gibt es 150 Grundschulen, etwa 26 Gymnasien. Da seit 1986 keine Schulen mehr gebaut worden seien, würde die Zahl der zukünftigen Gymnasiasten das Dreifache von der Aufnahmekapazität der Schulen betragen. Einige Neubauten seien halbfertig stehen gelassen worden, da keine Mittel mehr fließen würden. In der Region um Diyarbakir würde es nicht besser aussehen. Altun betont, dass die Einwohnerzahl von Diyarbakir aufgrund der Vertreibungen der Menschen aus ihren Dörfern enorm gestiegen ist und daher die durchschnittliche Schülerzahl pro Klasse mittlerweile bei 80.6 liegt.

Muttersprachlicher Unterricht

Eine weitere Barriere für die Schüler ist die Unterrichtssprache. Daher fordern die Schüler muttersprachlichen Unterricht, um bei Aufnahmeprüfungen für die Universität die gleichen Chancen zu haben wie die anderen Schüler im Westen des Landes. Altun berichtet, dass der Anteil der Gymnasiasten, die die Aufnahmeprüfungen für die Universität bestehen, im Südosten des Landes viel geringer ist als woanders in der Türkei. Das erklärt er u.a. damit, dass die Bildung im Osten weniger wissenschaftlich arbeiten kann, da die Mittel nicht vorhanden sind. Das sei eine Folge der Politik des Landes, die der Bildung wenig Beachtung schenke, z.B. sei die Türkei in der Weltrangliste der Länder, die Geld für Aufrüstung ausgeben auf Rang 13, aber bei der Bildung auf Rang 96.

Nach Offiziellen Angaben sind bisher Einwohner von ca. 3.500 Dörfern vertrieben worden. Doch nach Angaben des Menschenrechtsvereins IHD beläuft sich die Zahl auf 4.500. Jetzt müssen die Schulen in Diyarbakir die Schüler aufnehmen, die nicht mehr in ihren Dörfern zur Schule gehen können. Doch dieses Manko zu kompensieren ist bei 1.387 offenen Stellen gar nicht so leicht. Zudem sind seit 1991 500 und Lehrer aufgrund ihrer gewerkschaftlichen Aktivitäten in andere Städte vertrieben worden. Hayrettin Altun bedauert diesen Zustand sehr, denn gerade Lehrer und Gewerkschafter würden sich besonders für gesellschaftliche Probleme einsetzen. Der Preis, dass man in Ruhe gelassen wird, sei, dass man den Ungerechtigkeiten des Systems gegenüber gleichgültig bleibt. Deshalb sei es notwendig, dass oppositionelle Gruppierungen zusammen gegen gesellschaftliche Probleme im Bereich Bildung und Gesundheit vorgehen. ( Evrensel 01.09.00)