İhsan Çaralan
Verantwortlicher Chefredakteur
Eines der prägenden
Merkmale einer funktionierenden Demokratie eines Landes ist ohne weiteres die
Pressefreiheit und das Recht auf Information. Wenn wir die Geschichte der
Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei unter diesem Blickwinkel betrachten,
können wir davon ausgehen, dass sie die Geschichte von undemokratischen Realitäten
widerspiegelt.
Doch wenn es in der Türkei
um Pressefreiheit geht, spricht man bei uns nach wie vor von der »Zensur mit
der Gewehrkugel«. So wurde in den letzten sieben Jahren in der Türkei 25
Journalisten ermordet, Hunderte inhaftiert. Zwischen 1992 und 1999 wurden die
Tageszeitungen Özgür Gündem, Yeni Politika, Evrensel, Ülkede Gündem, Emek,
Yeni Evrensel und andere linke Publikationen Zielscheiben des Staates. Während
diese Zeitungen und Zeitschriften beschlagnahmt und ihre Redaktionen geschlossen
wurden, waren die Journalisten, die sich nicht »zurückhielten« und weiterhin
ihren Beruf ausüben wollten, ständig bedroht. In den meisten Fällen der
ermordeten Journalisten deuten die Tatumstände auf eine Beteiligung oder
Unterstützung durch staatliche Sicherheitskräfte hin. Zahlreiche Todesopfer
und Verletzte gab es auch unter Verkäufern und Verteilern dieser
oppositionellen Zeitungen.
In den drei Jahren, die
nun Yeni Evrensel erscheint, hat der türkische Staat über 35 Verfahren gegen
unsere Zeitung angestrengt, allerdings wegen einzelner Artikel und nicht gegen
die gesamte Zeitung. Bisher gab es von seiten des türkischen Staates noch
keinen Versuch, die Zeitung zu schließen. Im Vordergrund der eröffneten
Verfahren gegen Yeni Evrensel steht immer wieder der Vorwurf, Separatismus
zwischen den Klassen zu betreiben. In mehreren Verfahren sind wir sogar
angeklagt wurden, weil wir den Generalstreik als Mittel zum Kampf propagiert
haben.
Seit ungefähr 2 Jahren
darf Yeni Evrensel nicht in den kurdischen Gebieten des Ausnahmezustandes (OHAL)
vertrieben und verteilt werden. Ohne einen Grund zu nennen hat der Gouverneur
des Ausnahmezustandgebietes die Einfuhr unserer Zeitung in den kurdischen
Gebieten repressiv verhindert und den Vertrieb unserer Zeitung verboten. Grund
hierfür ist, dass Yeni Evrensel für das kurdische Volk steht. Vom kurdischen
Volk zu reden und zu berichten ist nach den türkischen Gesetzen Unterstützung
des Seperatismus.
Es ist kein Zufall, dass
Yeni Evrensel als eine Folge dieser Kette von Repressionen auf die Presse- und
Meinungsfreiheit in der Türkei gemäß § 312/2 des türkischen
Strafgesetzbuches ab heute eine Schließungsstrafe von 10 Tagen angehängt
bekommt. Auslöser dieser 10tägigen Verbotsstrafe war eine Kolumne von A. Cihan
Soylu, der Überschrift “Die kurdische Frage und das volle
Selbstbestimmungsrecht”, die sich für eine demokratische Lösung der
kurdischen Frage aussprach. Demnach wird Yeni Evrensel mit ihren Lesern in der Türkei
erst am 16. Oktober zusammenkommen.
Unsere Leser wissen, dass
sich Yeni Evrensel auch dieser Repression nicht beugen wird. Denn Yeni Evrensel
ist eine Zeitung, die sich für die Interessen aller Arbeiter und Werktätigen
einsetzt. In dem Sinne ist unsere Zeitung für jeden Arbeiter, jeden
Intellektuellen, für alle offen, die für Demokratie in der Türkei auf der
Seite der Arbeiter und Werktätigen kämpfen. Unsere Zeitung ist das Produkt der
Bewegung der Arbeiter und Werktätigen sowohl in der Türkei als auch auf der
ganzen Welt.
Wir rufen unsere Leser
auf, gerade in der Zeit der vielfältigen Angriffe auf unsere Zeitung, noch stärker
Solidarität mit Yeni Evrensel auszuüben und ihre Proteste an die zuständigen
Stellen weiterzuleiten.