Der „Bürger“ mit dem Nummer 994011

„ Jeder ist, unabhängig von seiner Sprache, Farbe, Rasse, Geschlecht, politische Gesinnung, Religion u.a., vor dem Gesetz gleich“ So steht es im Paragraph 10 der Verfassung der Republik der Türkei. Dagegen sieht der Paragraph 312 eine Haftstrafe von 1-3 Jahren in folgenden Fällen vor: „Das Volk auf der Grundlage der religiösen, regionalen, rassischen und sozialen Unterschiede zur Feindseligkeiten und Hass aufzurufen.“

Kazim Özek ist türkischer Staatsbürger und trägt einen Ausweis der Türkischen Republik. Er ist in Malazgirt bei Provinz Mus (kurdisch) geboren. Die Gesetze gelten, wie für jeden Staatsbürger auch für ihm. Doch was Özek bisher erlebt hat, zeigt, dass in der Türkei auch andere „ Realitäten“ existieren. Özek flüchtete aus seiner Heimatstadt nach Istanbul. Hier wird er inzwischen routinemäßig festgenommen nur, weil er ein Kurde ist. Als er vor ein paar Monaten wieder verhaftet worden war, hatten die Beamten der Anti-terror- Abteilung auf seiner Ausweis die Nummer 994011 eingetragen. Seitdem wird er sogar beim Verkehrskontrollen festgenommen. Inzwischen weiß er nicht mehr, wie viel Mal er festgenommen wurde.

Die Geschichte der Flucht nach Istanbul- Stadtteil Ayazma beginnt aus dem Dorf Nuretin bei Malazgirt. Nachdem das sog. Bewaffnetes Dorfbeschützersystem eingeführt wurde, gab für Özek keine Ruhe mehr. Özek erzählt, dass vor seiner Flucht er mehrmals festgenommen worden war, öfters Razzien durchgeführt worden sind und sein Haus zerstört worden ist. „ Die bewaffneten Dorfbeschützer haben sich alles erlaubt. Wir konnten nicht in die Stadt. Falls wir das taten, haben die Gendarmen uns festgenommen. Uns haben sie als PKK- Anhänger abgestempelt. Einziger Möglichkeit war es zu flüchten“:

Routinemäßiger Verhaftungen

Özek flüchtet vor 7 Jahren nach Istanbul. Er ließ sich in Stadtteil, wie meisten Bewohner, Ayazma nieder. Die Flucht nach Istanbul bedeutete für Özek nicht das Ende der Verfolgung und Misshandlung. So wie in seiner Heimatort gehen die Observierungen und Verhaftungen weiter. Auch die Verwandten in seiner Heimatort werden wegen ihm unter Druck gesetzt. Razzien, Hausdurchsuchungen 3-4 mal pro Woche oder U-Haft bis zur sieben Tagen sind im Leben Özek keine Seltenheit mehr. „ Die Polizei sagt uns geht wieder in eure Heimat zurück. Wie soll ich das tun. In meiner Dorf ist alles zerstört“. Er würde gerne wieder zurückkehren, falls die Umstände sich in seiner Heimatort normalisieren würde. Bei seiner letzten Verhaftung wird Özek schwer gefoltert. Er konnte wochenlang seine Hände nicht spüren.

„ Im Januar haben sie auf meinem Ausweis eine Nummer eingetragen. Selbst bei einer Verkehrskontrolle werde ich seitdem festgenommen. Die Nummerierung ist gesetzeswidrig. Sie haben meine Identität beschmutzt. Ich habe dagegen Anzeige erstattet“.

Der Druck auf Özek und seinen Brüdern geht weiter. Außer, dass sie Kurden sind, haben sie nicht verbrochen., Der „ Nummerierte“ Bürger Özek und die Folgen werfen automatisch die Frage auf, wer die eigentlichen Separatisten sind. Nach welcher Paragraph des türkischen Strafgesetzes wird wohl Özek bestrafft werden können, dessen Identität aufgrund der regionalen, sprachlichen, religiösen und rassischen...... Unterschiede nummeriert wurde? (Evrensel 25.04.00)