Die Augenzeugen des Massakers berichten

Akin Odabas gab am 22.12.00 folgende Erklärung ab. Aydan Odabas  Schwester von Akin Odabas sitzt im Bayrampasa Gefängnis in Istanbul. Er erzählte bei einer Pressekonferenz beim Menschenrechtsverein IHD vom seinen Gespräch mit seiner Schwester, die Augenzeugin der Vorgänge war.

„Die Razzia fing damit an, dass Gendarmen zunächst Bomben in den  Block der PKK Frauen abwarfen. Dabei handelte es sich um Tränengasbomben. Die Gefangenen haben mit nassen Tüchern und Wassereimern versucht die Auswirkungen zu begrenzen. Eine Gefangene namens Seyhan hat sich auf die Bombe draufgelegt, um ihre Mitgefangenen zu schützen. Dabei kam sie ums Leben. Viele der Gefangenen wurden entweder ohnmächtig oder sie bekamen Atembeschwerden. Die Gendarmen schlugen Löcher in die Dächer und warfen Bomben in die Blöcke. In fünf Minuten-Abständen wurden unzählige Bomben abgeworfen. Während die Gefangenen ohnmächtig am Boden lagen, setzen die Gendarmen Flammenwerfer ein. Die Betten und Klamotten fingen Feuer ein. Hier kamen Menschen durch Brand ums Leben. Nachdem mit viel Mühe die Gefangenen den Hof erreichten wurden sie drei Stunden lang mit kaltem Wasser der Feuerwehrfahrzeuge abgespritzt. Anschließend wurden auch Bomben in den Hof abgeworfen“.

Wie beim Kriegseinsatz:

Bei den Übergriffen in 20 Gefängnissen wurden 5000 Gendarmen und Polizisten eingesetzt. Es wurden ca. 20 000 Bomben abgeworfen. Allein in Canakkale- Gefängnis wurden 5048 Bomben abgeworfen. (Evrensel 24.12.00)

Die Augenzeugen, die das Massaker in Bayrampasa-Gefängnis/Istanbul erlebt haben, erzählen nach dem sie verletzt ins Frauen- und Kindergefängnis eingeliefert worden sind - im Gegensatz der offiziellen Stellen - die Ereignisse objektiv.

Ayla Özcan: „Durch eine Explosion um 5.00 Uhr am 19.12.00 wurden wir wach. Schnell zogen wir uns an. Als ich aus dem Fenster sah, sah ich auf den Dächern die Soldaten der Spezialeinheit. Sie richteten ihre Waffen auf unseren Block. Bevor wir uns noch anziehen konnten, eröffneten sie das Feuer auf uns. Wir warfen uns alle auf den Boden. Alle Tücher und Decken haben wir nass gemacht. Die Soldaten begannen damit Löcher in die Dächer zu schlagen. Aus diesen Löchern warfen sie anschließend Gasbomben in den Raum. Wir konnten nicht mehr atmen, gingen ans Fenster. Einige Freunde lagen schon am Boden. Währenddessen riefen die Soldaten per Megaphon „ergebt euch!“. Bis 12.00 Uhr warfen sie ständig Bomben ab. Es müssen ungefähr 700-1000 Bomben gewesen sein. Wir hatten nicht, womit wir uns hätten verteidigen können. Während sie Bomben abwarfen, feuerten sie durchs Fenster Schüsse in den Block ab.

Unsere Sachen fingen Feuer ein. Beim Löschen des Feuers schluckten wir jede Menge Gas. Die Soldaten versuchten sich in den Raum abzuseilen. Als sie dies nicht schafften, warfen sie Feuerflammen ab. Der ganze Raum war voll verraucht und es brennte alles. Wir versuchten aus dem Raum zu flüchten. Die Eisentür war durch die Flammen so heiß geworden, dass wir sie mit großer Mühe öffnen konnten. Im Erdgeschoss gossen die Freunde Wasser auf uns. Viele von uns hatten sich an Händen, Haaren, Gesicht und Rücken verbrannt. Als wir ein Geschrei hörten „oben sind welche, die verbrennen!“, liefen wir hoch, um Hilfe zu leisten. Einige Freunde konnten wir noch rausholen, aber Nilüfer, Seyhan, Özlem, Sefiner und Gülseren blieben im Feuer.

Als wir im Hof waren, warfen die Soldaten weiterhin Bomben auf uns. Auf der anderen Seite gaben sie Schüsse auf uns ab. Etwa gegen 14.00 Uhr kamen Soldaten und richteten ihre Waffen auf uns. Wir waren aneinander gekettet. Sie rissen uns gewaltsam auseinander, schleiften uns am Boden und sperrten uns in einen Panzerwagen. Stundenlang waren wir in diesem Panzerwagen mit Verletzungen eingesperrt. Unser Todesfasten geht auch hier im Bakirköy Frauen- und Kindergefängnis weiter“.

Filiz Gencer: „In den oberen Etagen hörten wir Lärm und Schüsse. Ich war als Wache eingeteilt. Alle standen auf und schoben Gegenstände vor die Tür. Aus dem Sehschlitz waren Waffen auf uns gerichtet. Soldaten waren auf den Dächern und warfen Bomben und Schüsse ab. Mit nassen Tüchern und Decken versuchten wir die Einwirkungen der Bomben zu reduzieren. Wir schlugen die Fensterscheiben ein, um einigermaßen atmen zu können. Doch sie gaben ständig Schüsse ab. Wie viele Bomben sie abgeworfen haben, weiß ich jetzt nicht mehr. Zeitlang haben sie auch andere Bomben abgeworfen. Die Einwirkungen dieser Bomben konnten wir kaum reduzieren. Es war kaum zu ertragen. Viele von uns waren schon ohnmächtig. Als wir nach kurzer Zeit wieder nüchtern wurden, haben wir gemerkt, dass die Soldaten uns von allen Seiten uns umzingelt haben. Während sie „ergebt euch!“ Riefen, warfen sie weitere Gas und Brennbomben ab. Geschrei wie, „wir sterben“ waren überall zu hören. Betten, Decken und Holz fingen Feuer ein. Aus den Sehschlitz kamen Flammen raus.

Wir konnten kaum die Tür (Eisentür) öffnen, da alles ziemlich heiß war. Als ich im Treppenhaus gelang, hörte ich aus den oberen Etagen Geschrei von Freunden. Sie riefen „wir verbrennen“. Birsen und Gülizar kamen mit Verbrennungen am Kopf runter. Viele trugen Verbrennungen am Kopf, weil man aus den Sehschlitz Flammen in den Raum abgeworfen hatte. Als wir im Hof waren, warfen sie weitere Bomben ab. Schwerbewaffnete Soldaten holten uns. Nur einige Schwerverletzte wurden in den Krankenhäusern eingeliefert, die anderen wieder ins Gefängnis eingesperrt. Wir versuchten gegenseitig unserer Verletzungen zu behandeln. Bevor sie uns hierher gebracht haben, haben sie uns mehrere Stunden (10-12 Stunden) in einem Panzerwagen festgehalten“.

Fatma Güzel: „Durch Bomben wollte man uns völlig unfähig machen. Jedes Mal warfen sie Hunderte von Bomben ab. Jedes Mal fielen wir am Boden. Bevor wir einigermaßen wieder zu uns kamen, folgten weitere Bomben und Schüsse. Dies dauerte bis ca. 12.00 Uhr. Danach setzten sie die Räume (Blocks) ins Feuer. Wir hatten kaum mehr Bewegungsmöglichkeiten. Als wir endlich den Speiseraum erreicht haben, gingen wir wieder hoch, um andere Freunde zu helfen. Diejenigen, die wir nicht mehr retten konnten, verbrannten in den Flammen. Als ich ins Krankenhaus eingeliefert worden bin, habe ich jede Behandlung abgelehnt. Die Einwirkungen der Gasbomben auf uns sind immer noch da. Ich spucke weiterhin Blut aus. Unser Todesfastensaktion geht auch hier weiter.......“

Suna Ökmen: „Am 19. Dezember 2000 gegen 5.00 Uhr wurden wir durch Bomben und Schüsse aufgeweckt. Wir waren 27 Personen in einem Trakt. Bevor wir noch wach waren, war der Raum voll mit Rauch und Tränengasbomben. Die Fensterscheiben haben wir eingeschlagen, um einigermaßen atmen zu können. Doch die Soldaten auf den Dächern feuerten durch die Fenster Schüsse ab. Durch den Löchern, die sie in dem Dach eingeschlagen haben, wollten sie sich abseilen. Nach dem sie damit gescheitert waren, warfen sie vermehrt Nervengas ab. Zahlreiche Löcher wurden in dem Dach eingeschlagen, durch die sie ständig Bomben herein warfen. Zwischen 11.30 Uhr und 12.00 Uhr begannen sie mit Flammenwerfer durch die Löcher zu schießen. Die Betten, unsere Haare und Klamotten fingen sofort Feuer. Mit großer Mühe konnten wir die Tür öffnen. Während in dem Trakt alles brannte, hielten die Soldaten Feuerlöcherschläuche in der Hand und schauten zu wie die Menschen verbrannten.

Als wir endlich den Speisesaal erreichten, merkten wir, dass noch viele Freunde in den brennenden Trakt sich befinden. 16 Freunde konnten wir noch knapp retten. Aber 6 unserer Freunde kamen in dem Feuer ums Leben. Feuerlöcher wurden erst dann eingesetzt, nach dem unsere Freunde schon tot waren. Wir versammelten uns in dem Hof. Alle von uns hatten Verbrennungen an verschiedene Körperteilen. Im Hof spritzten sie uns zwei Stunden lang mit kaltem Wasser ab, während sie gleichzeitig ständig Schüsse und Bomben abwarfen. Durch den hohen Druck des Wassers schälte sich die abgebrannte Haut ab. Absichtlich haben sie die ärztliche Behandlung verzögert. Mit massiven Verbrennungen sperrten sie uns für mehrere Stunden in einem Panzerwagen ein...“ (Evrensel 26-28.12.00)