Die neuen Partner in Ankara (I)

ANKARA/KAYSERI/BERLIN (Eigener Bericht) - Berlin soll seine Weigerung,
die Türkei in die EU aufzunehmen, fallenlassen. Dies verlangt der
türkische Staatspräsident anlässlich des Besuches seines deutschen
Amtskollegen. Die Bundesregierung müsse das Beharren auf einer
"privilegierten Partnerschaft" mit Ankara preisgeben und in Brüssel
für die türkische EU-Mitgliedschaft plädieren. Deutschland, das sich
bislang gegen den EU-Beitritt der Türkei sperrt, um den Abfluss von
Mitteln aus dem Brüsseler Etat und die Machtteilhabe Ankaras zu
verhindern, gehört zu den bedeutendsten Profiteuren der
Beitrittsgespräche: Die Anpassung der Türkei an Wirtschaftsstandards
der EU nutzt vor allem deutschen Unternehmen, die wichtigster Investor
und größter Handelspartner des Landes sind. Im Hintergrund des
aktuellen Streits um den EU-Beitritt stehen zudem langfristig wirksame
Umwälzungen in der türkischen Gesellschaft, die in Ankara neue Kräfte
an die Regierung gebracht haben. Diese stützen sich in ihrem Kampf
gegen das traditionelle kemalistische Establishment auch auf die EU -
und finden damit Anklang in Berlin. Dies führt in der deutschen
Medienlandschaft zu verwirrenden Volten: Die von der Bundesregierung
umworbenen neuen türkischen Eliten wurzeln im vom Westen ansonsten
bekämpften politischen Islam.

 

 Die neuen Partner in Ankara (II)

ANKARA/BERLIN (Eigener Bericht) - Berlin will die Türkei auch in
Zukunft als "Brücke" nach Zentralasien und in den Mittleren Osten
nutzen. Dies bekräftigte Bundespräsident Christian Wulff auf seiner
heute zu Ende gehenden Reise in das Land. Als "Brücke zwischen
Okzident und Orient" sei sie "ein Gewinn für Europa"; Deutschland habe
deswegen weiterhin "ein besonderes Interesse an einer Anbindung der
Türkei an die Europäische Union". Wulffs Äußerung reflektiert
Bedenken, die seit einiger Zeit im Westen laut werden und an der in
zunehmendem Maß auf Eigenständigkeit bedachten Außenpolitik Ankaras
Anstoß nehmen. Die dort 2002 ins Amt gelangte Regierung führt zwar
ihre enge Kooperation mit der EU fort, folgt jedoch zugleich einer
neuen Doktrin, die darauf abzielt, den türkischen Einfluss in den
Gebieten des früheren Osmanischen Reichs zu stärken. Der Westen könne
dies nutzen, um seine eigene Stellung im Mittleren Osten zu stärken,
müsse jedoch darauf achten, die Kontrolle nicht zu verlieren, heißt es
in Berlin. Deutsch-türkische Konflikte im Bereich der Außenpolitik
drohen in Südosteuropa, wo Ankara seinen Einfluss auf muslimische
Bevölkerungssegmente verstärkt.