Falscher Hoffnungen

 Die Verhaftungen der Oberbürgermeister und die nahezu zeitgleichen Verurteilungen der leitenden Personen der HADEP durch das Staatssicherheitsgericht haben die Erwartungen einiger Kreise in Bezug auf die Lösung des Kurdenproblems schwer enttäuscht. Denn diesen Kreisen zufolge waren nun die Bedingungen zur Lösung des Kurdenkonflikts geschaffen, da die EU-Mitgliedschaft der Türkei fast sicher schien und die Beziehungen zur USA stabiler geworden waren. Weitere Indizien für diese Annahme war der Aufschub des Todesurteils für Öcalan und die Hizbullah-Operationen. Zur gleichen Zeit als die fundamentalistischen Kreise in Hochstimmung waren, wurde in den Medien der Anschein gegeben als würde der Staat mit einer neuen und modernen Auffassung an das Problem rangehen und versuchen einen Konsens zu finden. Die neue Herangehensweise spiegelte sich in Schlagzeilen wie „Wenn Du sie nicht assimilieren kannst, dann akzeptiere sie so“ oder „Staatsbürgerschaft auf Grundgesetzbasis“.

Diese Entwicklungen führten dazu, dass in einigen kurdischen Kreisen wie auch in einigen nach Demokratie strebenden Kreisen, in Bezug auf den Staat und den USA Hoffnungen erweckt wurden, die keine Basis haben. Schlimmer noch, man versuchte diese Hoffnungen unter der türkischen und kurdischen Bevölkerung zu verbreiten. Doch man sah innerhalb kurzer Zeit ein, dass solch eine Haltung keinem nutzte. Nun müssen wir die Geschehnisse auf einer realistischen Grundlage neu bewerten. Denn die Entwicklungen haben schmerzhafte Erinnerungen in der Vergangenheit wachgerufen. Die Verhaftung der Oberbürgermeister ist die Antwort des Staates auf wachsende Forderung nach Frieden, demokratischer Republik, etc. Auf diese Weise hat der Staat noch einmal klar gemacht, dass er keinem Grundbedürfnis der Kurden eine befriedigende Antwort geben wird. Damit wurden aber nicht nur die Erwartungen einiger kurdische Kreise zerschlagen, sondern jedem, der mit einer Annäherung an die EU oder den USA mehr Demokratie erhofft.

Die Handlungsweise des Staates hat eine Grundwahrheit wieder einmal ans Tageslicht gebracht, nämlich dass die Lösung des Problems im gemeinsamen Kampf der kurdischen und türkischen Werktätigen für Demokratie liegt. Insbesondere die türkischen Werktätigen müssen dieses Problem als ihr eigenes verstehen. Die Massen müssen die Demokratie aus den Fängen des Staates und der Fundamentalisten befreien. Was sind die Konsequenzen, wenn das Problems nicht gemeinsam angegangen wird? Das führt dazu, dass das Kurden-Problem von den Fundamentalisten sowohl im Inland wie auch in Ausland für ihre eigenen Interessen ausgenutzt wird. Letztendlich werden sowohl Türken wie auch Kurden zu Sklaven der fundamentalistischen und imperialistischen Politik werden. Auch wenn es bis heute noch nicht ganz ins Bewusstsein der Völker gedrungen ist, beide Völker verbindet die Dringlichkeit eines gemeinsamen Kampfes gegen Imperialismus und Fundamentalismus.

Es gibt die Möglichkeit, die Kurdenproblematik aus ihrer Ausweglosigkeit zu befreien. Die Hauptverantwortung fällt hierbei besonders auf die türkischen Arbeiter und Werktätigen. Sie müssen das Problem als ihr eigenes betrachten. Auf der letzten Sitzung der Plattform der Gewerkschaften in Istanbul, mit mehr als 200 VertreterInnen der Werktätigen, auf der Maßnahmen gegen die Repression des Kapitals diskutiert wurden, wurde im Bezug auf die Repression gegen die Kurden eine klare Haltung eingenommen. Wenn die gefassten Beschlüsse in die Fabrikhallen getragen werden, wird ein Weg geebnet werden, der es den Werktätigen erleichtert, das Kurdenproblem als ihr eigenes zu verstehen und die praktischen Lösungen können leichter gefunden werden. (Evrensel, 28.02.2000)