Der Schriftsteller und
Dichter Yilmaz Odabasi wurde aufgrund seiner Meinungsäußerung verhaftet und
blieb 50 Tage im Gefängnis von Bursa (Typus E, d.h. Einzelhaft). Nach seiner
Entlassung sprachen wir mit ihm über seine Erlebnisse und Eindrücke im Gefängnis.
„Als ich an der Gefängnistür
stand, hatte ich eine Lederweste und eine Lederjacke an. Man befahl mir, sie
auszuziehen, da es verboten sei, solche Materialien im Gefängnis zu tragen. Das
Verbot galt auch meinen Schuhen und meinem Stift. Nur mit einem Hemd bekleidet
wurde ich in eine Zelle gesteckt. Mit der Begründung, die Lagerhalle sei
geschlossen, bekam ich keine Matratze und da die Kantine nicht mehr geöffnet
sei könnte man mir keine Streichhölzer mehr geben. Bis zu den Morgenstunden
habe ich meine Zigaretten angestarrt.“
So beschreibt Odabasi seine
ersten Stunden im Gefängnis und fragt: „Warum ist der Staat so sehr bestrebt,
das Kind im Herzen der Schriftsteller zu ermorden? Was hätte er davon?“ Und
mit wütender Stimme fährt er fort: „Sie können uns mit ihren Gefängnissen
und Strafen nicht abschrecken. Mit meinen Versen baue ich eine Brücke zu den
Herzen der Menschen. wie wollen sie das verhindern?“
Mit der Begründung „Wir haben keine speziellen Zellen für Gefangene, die aufgrund ihrer Meinungsäußerung inhaftiert sind und Du bist auch kein Mitglied einer verbotenen Organisation.“ wird er nicht zu den politischen Gefangenen gesteckt. Hier vermerkt Odabasi: „Das Leben der zivilen Gefangenen unterscheidet sich von dem der politisch Gefangenen. Als ich nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 verhaftet wurde, war ich bei den politisch Gefangenen und wir wehrten uns gegen jede Art von Repression. Die zivilen Gefangenen wissen sich oft selbst nicht zu helfen.
Odabasi erzählt uns wie isoliert er war. Mit dem Vorwand, seine Briefe würden Kritik gegenüber der Gefängnisleitung beinhalten, werden sie nicht nach „draußen“ verschickt. Das Besuchsrecht wird ihm ebenso verweigert. Auch als er mit dem Todesfasten anfängt, um seine Verlegung durchzusetzen, wird er nicht ins Krankenhaus gebracht. Odabasi: „Ich hätte im Krankenhaus geschrien, daß man mich umbringen will. Vielleicht hätte mich ein Bekannter oder ein Journalist gehört.“
Da man nicht für sein Leben garantieren könne, wird er auch nicht zu den zivilen Gefangenen gesteckt, sondern muß die ersten 35 Tage im Gefängniskrankenhaus verbringen. „Mein Leben wurde garantiert, indem man mich mit 20 Schwerkranken in ein 60qm großen Raum steckte. dort habe ich rund um die Uhr gearbeitet. Während dieser Zeit habe ich weder die Sonne noch einen Arzt gesehen, obwohl es Häftlinge gab, denen man das Bein amputiert hatte oder welche, die an Tuberkulose litten....
Das sind doch schließlich auch Bürger dieses Staates. Doch man begegnet diesen Menschen nur mit Rachegefühlen; deshalb werden sie schikaniert. Lassen wir mal die kulturellen Bedürfnisse dieser Menschen beiseite, nicht einmal die biologischen Bedürfnisse werden respektiert. Auf jedem Stockwerk gibt es 10 Zellen; bei 4 Stockwerken sind es 40 Zellen, aber für diese 40 Menschen gibt nicht ein einziges Loch zum Atmen. Die Luft ist schwül und stickig und vermischt sich mit dem Gestank nach Fäulnis und Nikotin. Manchmal schmeißen die Gefangenen Teelöffel oder Feuerzeuge gegen die Glasdecke des Gefängnissen, damit ein Luftloch entsteht; doch vergeblich.“
Wir erfahren, daß im Gefängnis von Bursa die Inhaftierten anstelle eines monatlichen Taschengeldes lediglich das Essen zur Verfügung gestellt bekommen. Das Essen wird von 5-6 Freiwilligen zubereitet. Da aber die Vorbereitungen für 1200 Mann von 5-6 Freiwilligen bis zur Mittagspause um 12 Uhr nicht zu schaffen sind, wird das Gemüse wie z. B. Kartoffeln oder Mohrrüben zum Teil ungeschält zubereitet. „Wenn es Spinat gibt, dann ist im Essen mehr Erde als Spinat.“ erzählt Odabasi und fährt fort: „Ist es gerecht, daß die Menschen Erde essen müssen nur weil sie verurteilt worden sind? Glaubt der Staat, daß die Häftlinge rehabilitiert werden, wenn er ihre Seele dermaßen verletzt. Demnach hat der Staat kein Interesse die Häftlinge zu rehabilitieren.
Odabasi betont außerdem, daß die Verhältnisse im Gefängnis von Bursa keine Ausnahme darstellen. „Es gibt in der Türkei sogar Gefängnisse, wo man nicht mal Tiere unterbringen möchte. Das Saray Gefängnis ist ein über 100 Jahre altes Gebäude, die Mauern sind dem Einsturz nahe, wie ein Stall. So sieht also die Toleranz aus, die ein Rechtsstaat seinen Bürgern entgegenbringt. Die Gefängnisse gleichen Sardinenbüchsen. Die Gefangenen werden behandelt wie Gegenstände bei der Pfandleihe; sogar dort geht man mit Sachen besser um, um sie dem Eigentümer unversehrt zurückzugeben.
Die Inhaftierten haben sowohl wirtschaftliche als auch psychologische Probleme; man sollte Rehabilitationsmaßnahmen für sie ergreifen. Wegen ihrer Haftstrafe werden sie z. T. von ihren Familien und Freunden ausgegrenzt, sind isoliert. Man sollte nicht vergessen, daß es sich hier auch um Menschen handelt.
Das Gefängnis von Bursa dient auch als „Sammelstelle“ für politische Gefangene, von wo sie in andere Gefängnisse verteilt werden. Odabasi erzählt uns, wie diese Verteilungsaktionen ablaufen und berichtet: „Die politischen Gefangenen wurden meistens unter Prügel verteilt. Während meiner Haftzeit wurden eines Tages zwei PKK-Häftlinge mit verbundenen Augen und Händen gebracht und in einer Zelle gesteckt. Morgens gegen drei Uhr wurden sie wieder weggebracht. Aber wohin, das weiß keiner. Die Einzelzelle hat gerade bei den politischen die Funktion, sie zu isolieren und zu passivisieren.
Odabasi erzählt, daß nicht nur die Häftlinge, sondern auch die Verwandten und Bekannten der Gefangenen bestraft werden. Sie werden nicht wie Menschen behandelt. Wenn sie z.B. zu Besuchszeiten kommen, müssen sie stundenlanges Warten in Kauf nehmen. Wenn es regnet verwandelt sie die Erde des Gefängnisgrundstücks zu Schlamm. Man muß doch ein bißchen Mitleid mit diesen Menschen haben. Ein überdachter Raum, wo man Tee und Kaffe verkauft wäre für beide Seiten sehr angenehm; die Gefängnisleitung hätte eine zusätzliche Verdienstquelle und die Wartenden würden weniger leiden. Doch mit ihrer Haltung wollen sie auch die Verwandten und Bekannten der Häftlinge schikanieren.
Manchmal warten die Frauen der Häftlinge 8-9 Stunden, z. T. mit Plastikschuhen im Schlamm des Gefängnisgrundstücks. Die aus den ärmeren Schichten der Bevölkerung kommenden Menschen sind rat- und hilflos, da sie nicht einmal im Stande sind, ihre Wünsche zu artikulieren.
Auch Verwandte und Freunde von Odabasi wurden von den Schikanen der Bürokraten nicht verschont. Als eine Verwandte von ihm beim Justizministerium die Verlegung beantragen will, verlangt man von ihr ihre Telefonnummer, um sie „benachrichtigen zu können“. Später wird sie mitten in der Nacht von einem Bürokraten angerufen, der mit ihr über Philosophie reden möchte. Als die Frau sich über das Verhalten des Anrufers beschwert, macht dieser ihr klar, daß die Verlegung in diesem Falle nicht stattfinden kann. Odabasi sagt uns: „Es hätte viel schlimmer kommen können; sie hätten auch nachts kommen und die Tür einschlagen können. Was sollte z.B. eine Frau vom Lande tun, die sich in solchen Fällen nicht einmal wehren kann?“
Vor dem Militärputsch am 12. September bin ich verhaftet worden, weil ich verbotene Bücher gelesen habe. Die Putschregierung hat mich hinter Gitter gebracht, indem sie einen legalen Verein, dessen Mitglied ich war, für illegal erklärt hat. Später wurden mir aufgrund meiner Bücher, Reden, etc. 12-13 Verfahren angehängt. Ich habe alle meine Haftstrafen abgesessen; ich schulde diesem Staat nichts.
Ich und meine Schriftstellerkollegen werden trotz aller Strafen nicht aufhören, die Wahrheit zu schreiben. Ich frage mich wie sich die Verantwortlichen vor den kommenden Generationen rechtfertigen werden. Ich verstehe nicht, warum bestimmte Fragen wie „Warum mußte der Dichter Nazim Hikmet 13 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbringen? immer noch mit Strafen auferlegt werden.
„Kein Dichter kann mit Handschellen besiegt werden!“ Wegen diesem Satz muß Odabasi Monate lang in einer 10 qm großen Zelle verbringen. Denjenigen, die ihm diese Strafe auferlegt haben und seinen Schriftstellerkollegen richtet er ein paar Sätze: „Wir Schriftsteller bauen mit unseren Werken eine Brücke zu den Herzen unserer LeserInnen. Man versucht vergebens diese Bücke zu zerstören. Ich schreibe Gedichte und keine Gesetzestexte, daher kann man keinen Dichter mit Beschimpfungen, Ketten oder Handschellen besiegen.“
Odabasi betont, daß er nichts vom Gesetz hält, wonach Strafen aufgeschoben werden sollen, die über die Printmedien begangen werden. Er fordert, daß alle Gesetze aufgehoben werden solle, die die Meinungsfreiheit behindern. Odabasi: „So lange wie diese Gesetze bestehen, spielt es keine Rolle, ob ich inhaftiert bin oder nicht. Mit solchen Gesetzen können sie niemanden täuschen, sie dienen lediglich der Augenwischerei. Ich bin jahrelang schikaniert worden; jahrelang hat mich die Geheimpolizei verfolgt, mein Telefon abgehört, meine Briefe wurden geöffnet. Manchmal haben sie mich nachts angerufen und Schüsse abgegeben. Ich bin bisher nicht von meinen Standpunkten abgewichen und werde es ab jetzt auch nicht tun.“
Zum Schluß bitten wir ihn um seine Meinung über das in den letzten Tagen viel diskutierte Amnestiegesetz. Odabasi verlangt, daß dieses Gesetz auch für politische Gefangene zutreffen soll, denn sonst würde noch mehr Ereignisse wie im Gefängnis von Ulucanlar gäben. „Die Situation in den Gefängnissen ist aufgrund der schlechten Haftbedingungen sowieso angespannt.“ sagt Odabasi und fügt hinzu, daß die Verwundeten des Aufstandes mit Handschellen an Betten gefesselt wurden. „Die türkische Regierung ist Meister des Kaschierens von Morden. Bei Metin Göktepe hieß es auch zuerst, er sei durch den Sturz von einer Mauer umgekommen, doch aufgrund des Drucks der breiten Öffentlichkeit ist sie in diesem Falle in die Ecke gedrängt worden. Sie ist ein Meister, wenn es darum geht, Mordszenarien zu schreiben, Oppositionelle zu verhaften oder Beamte zu schlagen, die für ihre Rechte demonstrieren, aber wenn es darum geht, Erdbebenopfern Hilfe zu leisten, legt sie ihre Unfähigkeit an den Tag.“ (Evrensel, Sonntagsbeilage vom 03.10.99)