Geschlagen, getreten, geschleift ...

jW dokumentiert einen Brief aus dem Gefaengnis Ankara-Ulucanlar

* Vier am 7. Dezember 2004 in Ankara inhaftierte Journalistinnen der sozialistischen Wochenzeitung Atilim wandten sich mit einem Brief aus dem Gefaengnis an die Oeffentlichtkeit:

Wir heissen Seda, Burcu, Selver und Nuray. Wir kommen aus Istanbul, Bursa, Ankara und Eskisehir und schrieben ueber die Situation der unterdrueckten Menschen. Wir vier wurden wegen unserer sozialistischen Identitaet unzaehlige Male in Untersuchungshaft genommen, auf der Strasse gefoltert und mit Vergewaltigung konfrontiert. Unsere Wohnungen wurden durchsucht, unsere Bueros wurden verwuestet. Wegen unserer Zeitung sind wir unzaehligen Unterdrueckungen ausgesetzt. Und heute sind wir als sozialistische Journalistinnen, mit einer fuer unsere Zeitung recht alten, fuer uns aber neuen Machenschaft konfrontiert: Unsere Schuld ist es, die Presseerklaerung der ESP zu veroeffentlichen und den Unterdrueckten zu erzaehlen, dass das neue Strafvollzugsgesetz ein Mittel ist, um die Gesellschaft einzuschuechtern.

Als wir in Untersuchungshaft genommen wurden, wurde Pfefferspray in unseren Mund gesprueht. 20 Folterer sprangen auf uns herum. Unsere Koerper wurden blau geschlagen, wir wurden ueber den Boden geschleift und bekamen unzaehlige wuetende Tritte und Knueppelschlaege. Wir wurden mit dem Tod bedroht, wir wurden zu-erst auf den Ruecken gelegt und geschlagen, dann wurden wir mit dem Gesicht zu Boden geworfen. Als wir zum Polizeiwagen gebracht wurden, wurden wir von einem maennlichen Polizisten auf eine herabwuerdigende und noetigende Art durchsucht.Dies alles wurde von denjenigen angeordnet, die offiziell "null Toleranz zur Folter" predigen.

Waehrend unserer viertaegigen Untersuchungshaft in der "Antiterroreinheit" von Ankara waren wir neben der physischen auch der psychischen Folter ausgesetzt. Aus den Zellen wurden wir wegen "detaillierter Durchsuchung" mit Schlaegen herausgeholt und unter Kameraaufsicht und maennlicher Polizei durch Schlaege, Erniedrigungen und Noetigungen entkleidet. Die erniedrigende Noetigungen der Polizistinnen kamen noch dazu. Unsere einfachsten Beduerfnisse wurden uns versagt, damit ging die Folter weiter. (...) Am vierten Tag der Untersuchungshaft wurden wir zur Hochsicherheitsstaatsanwaltschaft ueberfuehrt und zusammen mit den ESPlern, die bei der Aktion in Untersuchungshaft genommen wurden, wegen "Mitgliedschaft in der MLKP" verhaftet.

Die einzigen konkreten Beweise, die zu unserer Verhaftung gefuehrt haben, waren unsere Schreibutensilien und unsere Fotoapparate. Der vorgegebene Grund bei unserer Verhaftung ist die Teilnahme an der ESP-Demonstration zum Parlament, wo eine Presseerklaerung verlesen werden sollte. Dieser Vorwurf richtet sich gegen die Legitimitaet einer gesetzlichen Organisation wie der ESP. Er soll auch dazu dienen, uns als Journalisten mit diesem Vorwurf zu belasten.

Der eigentliche Grund fuer unsere Festnahme ist, dass wir nicht in der Sprache der Polizei berichten. Wir geben nicht, wie andere Presseorgane, Aktionen aus dem Blickwinkel der Polizei wieder. Der Staatsanwalt, der unsere Verhaftung gefordert hatte, wirft uns die Beobachtung einer Aktion aus naechster Naehe vor – statt 50 bis 100 Meter entfernt zu stehen. Dies soll als Beweis dafuer dienen, dass wir Mitglieder einer verbotenen Organisation sind! Er hat uns sogar geraten, solche Aktionen in Zukunft ueber das Fernsehen zu verfolgen und so darueber zu berichten.

Wir werden unser journalistisches Handwerk natuerlich nicht nach Massgabe des Staatsanwalts ausueben.

Und doch, er gibt mit diesen Worten seine wirklichen Sorgen preis.

Natuerlich werden wir auch in Zukunft dort sein, wo Menschen gegen ihre Unterdrueckung protestieren und sich wehren. Wir werden auch in Zukunft unsere Arbeit auf der Seite der Unterdrueckten und Werktaetigen machen.

Seda Aktepe, Burcu Guemues, Selver Orman, Nuray Kesik

Gefaengnis Ankara-Ulucanlar, Zelle 15

(Junge Welt vom 10.03.05)