Interview mit dem Vorsitzender der EMEP (Partei der Arbeit) Levent Tüzel

  Die Polizei geht nach der Schießerei in Beykoz landesweit gegen Hizbullah vor. Bisher wurden zahlreiche Hizbullahanhänger verhaftet, man fand zahlreiche Gräber der Hizbullahopfer. Obwohl seit langem Hizbullah als Terrrororganisation bekannt ist, unternahm der Staat bisher nichts gegen Hizbullah. Nun startet die Türkische Polizei spektakuläre Aktionen. Wie können sie sich das erklären?

  Der Zeitpunkt der Razzien gegen eine menschenverachtende Organisation Hizbullah ist genau kalkuliert. Dies als ein Zufall zu betrachten, bedeutet nicht verstanden zu haben, wohin die Entwicklung in der Türkei hingeleitet werden soll. Die wichtigsten Argumentationen der Periode seit ‘dem 28. Februar 1997’ ( an diesem Datum haben die Militärs durch den Nationalen Sicherheitsrat direkt in die politische Entwicklung eingegriffen) waren es gegen ‘Separatismus und religiöse Fundamentalismus’ vorzugehen und die Integration in die westliche Welt zu verstärken. Im Rahmen des Reorganisierung des Staates schien es wichtig zu sein zu zeigen, wie gefährlich religiöser Fundamentalismus sein kann. In diesem Zusammenhang soll auch die ‘Entschlossenheit’ des Staates demonstriert werden, da der Ruf des Staates besonders nach dem Susurlukskandal großen Schaden genommen hatte.

  Die Art der momentanen Politik ist es, spektakuläre Skandale ‘aufzudecken’, Aktionen, die die Öffentlichkeit stark berühren zu organisieren und auf die Tagesordnung zu setzen, um dadurch neuen Schwung zur Manipulierung der öffentlichen Meinung zu starten. Parallel und fast zeitgleich werden Maßnahmen durchgesetzt, die unter anderen Umständen nicht möglich wären. Man kann das auch als neue Art der Politik der ‘Neuen- Welt-Ordnung’ bezeichnen. Konkret heißt das, ablenken, Themen bestimmen, manipulieren und die Massen ‘erblinden lassen’.. Währenddessen läuft das Programm des IWF und der Weltbanks weiter an. In Form von Privatisierungen wird der Ausverkauf der wichtigsten Wirtschaftsbereiche (besonders im Energiesektor) an inländisches und- Auslandskapital in vollen Touren vorangetrieben. Die Politiker ziehen von einer Sitzung zu anderen, geben am laufenden Band Erklärungen ab darüber, wie notwendig diese Maßnahmen für die Türkei seien.

  Der Mindestlohn wird auf 80 Millionen TL(= ca 270,-DM) festgesetzt. Alle Maßnahmen zur Abschaffung von sozialen Sicherungssysteme sind eingeleitet. Privatisierungen im Bildungs- und Gesundheitsbereich werden ausgeweitet, die Erhebung von Zusatzsteuern (Erdbebensteuer etc.) und andere willkürliche Maßnahmen sind an der Tagesordnung. All diese Maßnahmen lösen verständlicherweise große Empörung unter der Bevölkerung aus. Die Sache mit Hizbullah zum jetzigen Zeitpunkt schneidet das alles wie mit einem scharfen Messer durch. Hinzu kommt die Aussetzung der Vollstreckung der Todesstrafe für Abdullah Öcalan. Es gibt einen gewissen Kreis in der Bevölkerung, welche die Vollstreckung fordern. Auch hier spielt Hizbullah eine Ventilfunktion.

  In den 70- er Jahren sagte der Staatspräsident Süleyman Demirel ( damals Ministerpräsident) „Ich sage nicht, daß die Nationalisten Morde begehen“.. Heute sagt er: „Der Staat wird keinen Mord begehen und  dies auch nicht veranlassen“.

Wie ist es tatsächlich?

  Diese Aussagen des Staatspräsidenten sind Demagogien, die im Grunde weitere Recherchen verhindern sollen und das System dadurch in Schutz nehmen. Deshalb deshalb gibt es, trotz seines Alters, keine Konkurrenten für seine Amt. Der Generalstab und das Militär nennen die Tatsache der Verflechtungen der Hizbullah mit den Sicherheitskräften und deren Rolle im Kampf gegen die PKK als ‘haltlose Beschuldigungen und Verleumdungen’. Zahlreiche belastende Aussagen, Belege und die Berichte der parlamentarische Kommission reichen diesen Herren nicht. Selbst ehemalige Kommissionsmitglieder, die diese Verbindungen vor Jahren aufdeckten, reihen sich diesem Chor ein. Dies verdeutlich wieder einmal, dass eine wirkliche Zerschlagung solcher Terrororganisationen nur dadurch erreicht werden kann, wenn die Kräfte der Arbeit und Demokratie diese Abrechnung führen.

  Die Regierungsparteien MHP (Nationale Bewegungspartei) und DSP (Demokratische Linkspartei) sind vor allem durch Wählerstimmen der Werktätigen an die Macht gekommen. Das Regierungsprogramm 2000 beinhaltet jedoch vor allem die Abschaffung der Rechte der Werktätigen. Ist das nicht ein Wiederspruch?

  Sicherlich ist das ein Widerspruch, dass eine Regierung, die durch die Stimmen der Werktätigen an die Macht kommt, gegen deren Interessen Politik macht. Das ist das Spiel der repräsentativen Demokratie und der bürgerlichen Politik. Bekanntlich läuft das seit Jahrzehnten und es wird noch einige Zeit so ablaufen. Die Arbeiter und die Werktätigen, die in der Gesellschaft die Mehrheit bilden, haben es noch nicht geschafft, ihre Spaltung zu überwinden und ihre eigene Politik selbst zu machen. Sie befinden sich unter dem Einfluss der bürgerlichen Politik.

  Diese Parteien haben es zwar geschafft, mit Parolen wie, ‘Nationalismus’, ‘Populismus’, ‘Arbeiterfreundlichkeit’ und ‘Pantürkismus’ die Stimmen der Werktätigen für sich zu gewinnen. Innerhalb von kurzer Zeit jedoch wurde ihr wahrer Charakter deutlich. Das Programm, was diese Parteien durchführen, ist das des Kapitals. Es bleibt nur noch, dass die breiten Massen diesen Charakter erkennen, um sich von diesen Parteien zu lösen: Um dann sich in den verschiedensten Kampfformen  einzureihen und einen gewissen Organisierungsgrad zu erreichen. Unser Partei wird hier ein Mittel sein, um diese genannten Schritte zu unternehmen.

  Das kurdische Problem wird auf das Todesurteil von A. Öcalan reduziert. Was sind die tatsächlichen Probleme bzw. Forderungen des kurdischen Volkes?

  Bestimmte kurdischen Kreise haben nicht nur ihre Politik auf das ‘Thema Todesurteil für Öcalan’ eingegrenzt, sondern sie brüsten sich auch damit, welcher Rolle sie dabei gespielt haben, die Türkei auf den EU-Integrationsweg gebracht zu haben. Trotz zahlreicher Manipulationen und diesem Wirrwarr werden wir von unser Absicht nicht abkommen, eine demokratische, dem kurdischen Volk gerecht werdenden Lösungsweg voranzutreiben. Dabei ist das Ziel möglichst breite Aktionsbündnisse einzugehen. Gefährlich ist es sicherlich dabei, dass sich in den kurdischen Gebieten eine Erwartungshaltung im Hinblick auf ‘Normalisierung und Verbesserung der Zustände’ ausbreitet. Der Spruch, „der Weg zum EU- Beitritt führt über Diyarbakir“, verstärkt auch diese Erwartungshaltung. (Der Spruch stammt von Mesut Yilmaz ANAP (Expräsident) unmittelbar nachdem die Türkei als Beitrittskandidat akzeptiert wurde. (Anm. des Übersetzers).

  Die Probleme in den kurdischen Gebieten sind stets allmächtig. Einige sind die Folgen des Krieges und der Ausnahmezustandsregelung –OHAL-( zerstörte Dörfer, Millionen von Flüchtlingen etc.). Andere, die einen sozialen Charakter haben, sind auch landesweit das Problem: In sind in erster Linie sind  die Armut und die Arbeitslosigkeit. Die Kurden fordern an erster Stelle die Aufhebung der Ausnahmezustandsregelung, Normalisierung der Zustände und gleichberechtigte freie Lebensumstände für das ganze Land. Das heißt konkret, dass sie sich wieder in ihrer Dörfern niederlassen, die Felder bearbeiten können, das Wasser und Stromversorgung nicht unterbrochen wird und Arbeitsmöglichkeiten geschaffen werden. Andere zentrale Forderung sind die Abschaffung von anti- demokratischen Maßnahmen, gleichberechtigte Anwendung der Gesetze überall und die Bestrafung der Kriminellen und des Unrechts.

 In diesem Zusammenhang ist es wichtig wie der Weg dorthin führt. Die Geschichte lehrt uns, dass das Vorantreiben der Demokratisierung nur über die Einheit der Werktätigen durchgesetzt werden kann. ( Evrensel 30.01.2000)