Journalist,
Wissenschaftler und Ex-Kulturminister
Dr. Ahmet Taner Kislali wurde ermordet
Die Attentate auf bekannte Persönlichkeiten durch „dunkle Kräfte“ waren in den 70ern und Anfang der 90er Jahre an der Tagesordnung. Am 21.10.99 wurde der Kolumnist der Tageszeitung Cumhuriyet), Ex-Abgeordneter und Professor Kislali durch eine Autobombe in Ankara ermordet. Die Kommandanten der Gendarmerie und die Polizei zogen schnelle Schlußfolgerungen und machten die Organisation IBDA-C für die Tat verantwortlich. Die Organisation IBDA-C wird als streng religiös-fundamentalistisch eingestuft, die die Errichtung eines Gottesstaates zum Ziel hat. Die Art und Weise des Anschlages ähnelt den früheren Attentaten wie bei dem Journalisten Abdi Ipekci, Prof. Muammer Aksoy, der Wissenschaftlerin Bahriye Ücok sowie dem des Journalisten Ugur Mumcu, die unmittelbar die Geheimorganisation „Konterguerilla“ in Erinnerung rufen. Die Organisation Konterguerilla ist die Version der Gladio in der Türkei. Sie trägt die Unterschrift bei zahlreichen politischen Morden.
Die Ermittlungen des Attentates sollen von der Staatsanwaltschaft des Staatssicherheitsgerichts (DGM) in Ankara geführt werden. Diese Institution konnte bisher keine der genannten Fälle lösen. Im Gegenteil, sie bemühte sich, die Verbindungen der Kontragruppen und religiöser Organisationen zu den staatlichen Institutionen zu vertuschen. Nach Expertenaussagen wurde eine selbstgebastelte Bombe eingesetzt. Unmittelbar nach dem Attentat riefen einige Unbekannte bei Presseagenturen an und machten die Organisation IBDA-C für die Tat verantwortlich. Der Innenminister Sadettin Tantan antwortete auf die Frage, wer für den Anschlag verantwortlich sein könnte, folgendermaßen: „Das sind geheime Staatssachen.“
Parallelen zum Attentat auf Ugur Mumcu
Am 24.01.1993 war der Journalist Ugur Mumcu ebenfalls
durch eine Autobombe ermordet worden. So ähnlich wie bei dem Attentat auf Ugur
Mumcu wurde auch dieses Mal das Beweismaterial ohne weitere Untersuchungen vom
Tatort entfernt. Damals löste der Umgang mit dem Beweismaterial große Empörung
in der Bevölkerung aus. Deshalb wurde das Fahrzeug des Ermordeten dieses Mal
streng mit zahlreichen Fahrzeugen abgeriegelt. Gleich nach dem Attentat auf
Mumcu waren der Iran und die fundamentalistischen Gruppen für die Tat
verantwortlich gemacht worden. Hunderttausende Menschen gingen auf die Straße
und protestierten gegen die Ermordung von Ugur Mumcu. Es wurden zahlreiche
Mitglieder der islamischen Organisation „Hizbullah“ festgenommen und verhört.
Es gibt schriftliche Nachweise,
daß die Organisation „Hizbullah“ in kurdischen Gebieten vom Staat nicht nur
finanzielle Unterstützung erhielt, sondern von den Einheiten des Geheimdienstes
ausgebildet wurde. Diese Tatsache wurde sogar vom Ausschuss des Parlaments bestätigt.
Trotzdem versuchten die Gerichte und die Ministerien ständig die direkte
Verbindung dieser Organisation zu den staatlichen Stellen zu vertuschen. Der
damalige Polizeipräsident Mehmet Agar sagte im Bezug auf das Attentat „Wenn
wir ein Stein herausnehmen, wird die ganze Mauer auf uns stürzen.“ (Damit
wollte er klar machen, daß gründliche Untersuchungen Regierungskreise
betreffen würden.)
Der Staatsanwalt Ülkü Coskun sagte, daß der Staat für das Attentat
verantwortlich sei und ein hoher Beamte des Geheimdienstes gab sogar zu,
daß die Täter aller sogenannten „Täter unbekannte Morde“ bekannt seien.
Ugur Mumcu war durch den Einsatz von einer Typ C-4 Bombe ermordet worden. Diese
Bombe ist ein Produkt des amerikanischen Militärs und ist nicht auf dem freien
Markt erhältlich. In der Türkei besitzt nur das Militär diese Art von
Sprengstoff. Auch viele führende Militärangehörige haben damals bestätigt,
daß nur das Militär Zugang zu solchem Sprengstoff hat. Mit dieser Aussage
wurde klar, daß die staatlichen Institutionen direkt in solche Fälle
involviert sind. Die Art des Anschlages und der Beweisaufnahme der Polizei und
voreilige Zuschreibungen ohne klare Indizien rufen bei vielen Menschen die
Erinnerung an vergangene Anschläge ins Gedächtnis, hinter der die
Kontraorganisation des Staates vermutet wird. (Evrensel 24.10.99)
Am 27. Oktober 1999 fanden in den Städten Istanbul und Izmir Protestmärsche von Anwälten gegen den Anschlag auf den Journalisten Dr. Ahmet Taner Kislali statt, die von den Anwaltskanzleien der jeweiligen Städte organisiert waren. Die Anwälte trugen während des Protestmarsches ihre Anwaltsroben und die Photos von ermordeten JournalistInnen. In Istanbul wurden die ca. 1.000 Anwälte auf ihren Weg von der Anwaltskanzlei bis zum Taksim Platz von den Menschen mit Beifall begleitet. Dort wurden die Photos und ein Kranz für die Opfer niedergelegt Der Vorsitzende des Anwaltskammer Yücel Sayman betonte in der Erklärung, daß Kislali wegen seiner Überzeugung ermordet ist. Wir treten für einen Rechtsstaat ein und wollen, daß die „Täter unbekannt Morde“ aufgeklärt werden.