Kapitulationserklärung
von Bahadir Özgür
(Evrensel, 15. 01.02)
„Um Unternehmen wie Ihre ins Land zu holen haben wir unsere
Berge abgetragen, unsere Wälder abgeholzt, unsere Flüsse begradigt, unsere Städte
verlegt... Dies alles taten wir für Sie, für Ihr Unternehmen, damit Sie hier
auf Phlippinen einfacher und gewinnbringender investieren können.“
Diese Zeilen stammen aus einer
Anzeige, die von der philippinischen Regierung in „Fortune“, einem
bedeutenden Organ des internationalen Kapitals aufgegeben wurde. Auf diesem Wege
erklärte sie den größten Konzernen der Welt, dass sie die Gesetze im Rahmen
des im IWF-Abkommen vorgesehenen Strukturanpassungsprogramms verabschiedet hat.
Dies zeugte vom Gipfel der Kollaboration und der Unabhängigkeit vom
Imperialismus. Dieses Beispiel wurde jahrzehntelang als ein Exempel erwähnt,
wenn es darum ging aufzuzeigen, wie eine Regierung ihr Land und eigenes Volk
verraten kann.
Es ist nicht lange her, noch im
April des letzten Jahres, am Tag der Ankunft des Wirtschaftsministers
wiesen wir auf den Seiten unserer Zeitung darauf hin, dass auch die Türkei
sich auf dem oben beschriebenen Weg befindet. Auch das obige Beispiel wurde an
jenem Tag zitiert. Es wurde unterstrichen, dass die Regierung, die dem IWF die
Verabschiedung von 15 Gesetzen in 15 Tagen versprochen hat, das Land den
internationalen Konzernen auf dem goldenen Tablett servieren möchte. Und es
wurde auch vermerkt, dass es keine Überraschung sein würde, wenn die
Ecevit-Regierung, die sich auf dem Weg zum Gipfel der Kapitulation befindet,
ihre Taten mittels einer Zeitungsanzeige den internationalen Konzernen mitteilen
würde.
Dieser Tag ist gekommen. Am Tag des
Staatsbesuchs von Ecevit in die USA schaltete die Regierung in verschiedenen
Zeitungen Anzeigen, in denen es heißt: „Die Gesetze sind verabschiedet. Jetzt
erwarten wir die ausländischen Investoren.“ Denn just an diesem Tag wurde die
Verabschiedung der Gesetze abgeschlossen, die die Grundlage für die Abschaffung
bzw. die Privatisierung des Öffentlichen
Dienstes in allen erdenklichen Bereichen bildeten und diese Märkte dem ausländischen
Kapital eröffneten. Diese Anzeige unterscheidet sich nicht von der Anzeige der
philippinischen Regierung. Hier geht es um einen offensichtlichen Verrat. Die
Anzeige hat den Charakter einer internationalen Ausschreibung,
bei der das Land in Parzellen verkauft werden soll.
Ecevit geht mit eben diesen
Gesetzen und einem Handelsabkommen in der Tasche, das das Land in weine
„Handelskolonie“ der USA umwandeln wird, in die Audienz bei Bush. Die
Einzelheiten dieses Abkommens zeigen deutlich, welche Rolle dabei der Türkei
zuteil wird. Damit wird ein Drittel des Landes in eine Freihandelszone
umgewandelt. Industrieanlagen, Kraftwerke, Straßen, Häfen, für deren Bau
Millionen US-Dollar ausgegeben wurden, werden dem ausländischen Kapital zur
Verfügung gestellt. Und zwar zoll- und steuerfrei, unbeschränkt,
unkontrolliert. Nach dem Abkommen sollen etwaige Investoren auch staatliche Fördermittel
erhalten. In den neu zu gründenden Betrieben soll zehn Jahre ein gesetzliches
Streikverbot gelten.
Das Abkommen trägt den Titel
„Abkommen über privilegierte Freihandelszone“. Um welche und wessen
Privilegien es dabei geht, geht aus dem Abkommen deutlich hervor. Es zeigt auch,
an welchem Punkt die Türkisch-Amerikanischen Beziehungen der letzten fünf
Jahrzehnte heute angelangt sind. In dem sogenannten „Adana-Bericht“ heißt
es nämlich dazu, die USA hätten ähnliche Abkommen bis heute mit lediglich
drei Ländern unterzeichnet. Damit soll der Beweis für die Behauptung erbracht
worden sein, die Türkei wäre bei dem Abkommen die privilegierte Partnerin.
Nach Wunsch der Regierung soll dabei der oben in ein paar Sätzen
zusammengefasste Inhalt des Abkommens ungeachtet bleiben. Wenn man allerdings
berücksichtigt, dass die USA 80 % ihres Handelseinkommens aus dem Handel mit
den Ländern der Dritten Welt schöpfen und sich dabei nicht unbedingt als
erstes um die Privilegien ihrer Handelspartner sorgen, bekommt das Abkommen eine
andere Bedeutung. Den vermeintlich „Privilegierten“ in der Türkei bleibt im
Gegenzug die Aufgabe, die Wälder abzuholzen, die Berge abzutragen, Flüsse zu
begradigen, Städte zu verlegen.
Die Ecevit-Regierung erklärt, sie
sei geehrt von so viel Privileg. Und um dieser Ehrung gerecht zu werden, hat sie
ihre Aufgaben mit im Eiltempo verabschiedeten Gesetzen gemacht. Die Hindernisse
vor dem ausländischen Kapital hat sie nacheinander beseitigt. Ferner hat sie
neue Gesetze über Fördermittel und Steuerfreiheit erlassen. Die Steuerlast der
Arbeiter wurde mittels neuer Sparpakete erhöht, ihre Löhne gekürzt. Für die
privaten Banken sind Milliarden US-Dollar bereitgestellt. All diese neuen
Entscheidungen wurden in den Reisekoffer Ecevits gesteckt.
Dies zeigt, dass wir es hier mit
einer raffinierten Form von Kolonialismus zu tun haben, der von den Herren
bereits vor längerer Zeit für tot erklärt wurde. Der Minister Präsident der
Türkei, deren Regierungsmitglieder von außen ernannt werden, die vor dem IWF
und der Weltbank Rechenschaft ablegen muss, in der höchste Bürokraten von
diesen Instituten ernannt oder vom Dienst suspendiert werden, kann unter diesen
Umständen eben nicht viel mehr Befugnisse haben als ein Vertreter eines
Kolonialstaates. ¨