Lebenslang für türkische Soziologin
Türkische Presse phantasiert über Zerwürfnis zwischen Öcalan und
Bürgermeister von Diyarbakir
Nick Brauns
Die türkische Soziologin Pinar Selek wurde am Dienstag vom
Obersten Gerichtshof der Türkei zu lebenslanger Haft
verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, daß Selek als
führendes Mitglied der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans
PKK am 9. Juli 1998 einen Bombenanschlag im Gewürzbasar von
Istanbul verübt habe, bei dem sieben Menschen getötet und
127 verwundet wurden. Die Polizei und Wissenschaftler der
Gerichtsmedizin bezweifelten allerdings nach der Explosion,
daß diese überhaupt durch einen Sprengsatz verursacht
wurde. So könne es sich auch um einen Unfall durch eine
defekte Gasflasche gehandelt haben, meinten die Experten.
Selek war kurz nach der Explosion aufgrund einer unter Folter
zustande gekommenen Zeugenaussage verhaftet, selbst gefoltert und
zwei Jahre inhaftiert worden, bevor sie von einem Istanbuler
Gerichtshof freigesprochen wurde. Auch nachdem der Oberste
Gerichtshof das Verfahren erneut an das Istanbuler Gericht
zurückverwies, folgte ein Freispruch. Es sei nicht notwendig
zu beweisen, daß die Explosion durch eine Bombe erfolgte,
begründeten die Richter des Obersten Gerichtshofes jetzt ihr
Urteil. Selek, die als Stipendiatin des PEN-Schriftsteller-Zentrums
in Deutschland lebt, kündigte an, vor den Europäischen
Gerichtshof für Menschenrechte zu gehen. Eine
PKK-Mitgliedschaft hatte Selek, die durch ihre feministischen und
antimilitaristischen Forschungen und Initiativen ins Fadenkreuz des
türkischen Staates geriet, immer bestritten. Für Selek
hatte sich unter anderem Literaturnobelpreisträger
Günther Grass eingesetzt
Während in den letzten Tagen Militäroperationen gegen
mutmaßliche PKK-Kämpfer in der Provinz Diyarbakir
begannen und die türkische Armee erneut Ziele im Nordirak
bombardierte, versuchen regierungsnahe türkische
Tageszeitungen, ein Zerwürfnis zwischen dem inhaftierten
PKK-Führer Abdullah Öcalan und dem beliebten
Oberbürgermeister der Millionenstadt Diyarbakir, Osman
Baydemir, auszumachen. Öcalan habe aus Angst vor einen
Konkurrenten, der ihm den Rang als möglicher
Verhandlungspartner mit dem Staat ablaufen können, Baydemir
sowie die ehemaligen Abgeordneten und Vorsitzenden der vor einem
Jahr verbotenen Partei für eine Demokratische Gesellschaft DTP
Ahmet Türk und Aysel Tugluk scharf kritisiert, heißt es
in der Todays Zaman vom Mittwoch. Tatsächlich hatte
Öcalan vergangene Woche im Gespräch mit seinen
Rechtsanwälten die vorschnellen Hoffnungen einiger kurdischer
Politiker zurückgewiesen, wonach die Zeit des bewaffneten
Kampfes vorüber sei. Baydemir, der seit Oktober wegen
angeblicher PKK-Mitgliedschaft in Diyarbakir gemeinsam mit 151
anderen Politikern vor Gericht steht, hatte kürzlich
erklärt, die »Phase der Gewalt« sei vorbei, da die
PKK und die türkische Armee den jeweiligen Gegnern mit
Waffengewalt nicht besiegen könnten.
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