Das Massaker im Zentralgefängnis löste Unruhen in
anderen Gefängnissen des Landes aus. In sieben Gefängnissen nahmen die
Gefangenen mehrere Aufseher als Geiseln, da sie ebenfalls ähnliche Überfälle
der Gendarmen befürchteten. Die türkische Massenmedien und der Ministerpräsident
sprachen von einer Meuterei der Gefangenen. Tatsächlich aber übt die Regierung
großen Druck auf die politischen Gefangenen aus. In der Vergangenheit haben die
politischen Gefangenen viele Opfer bringen müssen, um ein einigermaßen
menschenwürdiges Leben in der Gefangenschaft führen zu können. Dazu gehören
u.a. das Besuchsrecht, das Recht auf den Bezug von Zeitschriften und Zeitungen,
Aufhebung von Mißhandlungen sowie Kontakte untereinander bzw. zu ihren
Rechtsanwälten. Während die Mitglieder der Mafia und Bandenorganisationen sich
in den Gefängnissen frei bewegen können, wird den politischen Gefangenen noch
nicht einmal ein regelmäßiges Besuchsrecht eingeräumt.
In Zentralgefängnis in Ankara dürfen
die politischen Gefangene seit Wochen kein Besuch erhalten. Die Blöcke, vor
allem 5 und 7, sind dermaßen überfüllt, daß 2 bis 3 Personen ein Bett teilen
müssen. Ständige Willkür und diskriminierende Maßnahmen sind, wie in vielen
Gefängnissen des Landes, an der Tagesordnung. Dagegen haben die Gefangenen auf
unterschiedliche Art und Weise protestiert. Auch in anderen Gefängnissen ist
die Situation sehr angespannt, denn diese Probleme sind auch dort auf der
Tagesordnung. Die Politik der Regierung wird von KritikerInnen folgendermaßen
beschrieben: „Die Mafiabosse werden begnadigt, die politischen Gefangenen
werden ermordet. Das ist die ‘Lösung’ der Regierung“.
(Evrensel 27.09.99)
Halil Dogan überlebte das Massaker im Zentralgefängnis
von Ankara, in dem 10 politische Gefangene umgebracht wurden. Seine Freunde
starben direkt vor seine Augen und er wurde im Holzschuppen des Gefängnisses
gefoltert. Anschließend wurde er in das Gefängnis nach Iskenderun verlegt. Er
verbüßt seit 3,5 Jahren seine ‘Strafe’ und ist erst 18 Jahre alt. Dogan
wurde 12.07.96 verhaftet und bekam eine Haftstrafe von22,5 Jahren. Ihm wurde
vorgeworfen „ein Führungskader einer illegalen Organisation“ zu sein. Die
Mutter Dogans erzählt zu den Vorwürfen folgendes: „Halil war erst 15 Jahre
alt als er verurteilt wurde: Er war sehr jung und er hatte ein großes Herz. Was
mein Sohn nach dem Massaker erzählte ist grauenhaft. Nach der Folter wurde
Halil ohnmächtig. Zwei Tage später wurde er mit Handschellen nach Iskenderun
verlegt. Er konnte kaum laufen. Ein Kugel zerfetzte sein linkes Knie. Auch am
Kopf war er verletzt und sein linker Arm war ausgekugelt. So wurde er ohne
Behandlung verlegt. Nun wird er ständig mit einer Narkose betäubt“
Wie fing das Massaker an?
Als die Gefangenen mitbekommen,
daß eine Razzia vorbereitet wird, gehen sie in den Gefängnishof. Von den Dächern
werden Gegenstände (Steine, Dachziegeln) und Tränengas auf sie geworfen. Die
Gefangenen werfen Steine und Tränengas zurück. Kurze Zeit später flüchten
die meisten wieder in ihre Zellen zurück. Etwa 9-10 Personen bleiben noch im
Hof. Diese Personen werden mit Spitzhacken voneinander getrennt. Über ein
Megaphon rufen die Gendarmen ständig: „Ergebt euch!“ Die Gefangenen
antworteten mit Parolen. Dann werden die Gefangenen Ümit Altintas und Zafer
Kirbiyik erschossen.
Anschließend werden die meisten
in das Gefängnisbad eingesperrt während Halil mit zwei weiteren Gefangenen in
den Holzschuppen verschleppt wird. Hier werden sie auf brutalste Weise
gefoltert. Ihnen wird gedroht, sie mit einer elektrischen Säge zu zerhacken.
Ismet Kivrikoglu wird zunächst mit Schlagstöcken geschlagen und anschließend
erschossen. Dogan wird ohnmächtig und kommt nach zwei Tagen zu sich.
In die Körper der Gefangenen
wird mit spitzen Eisenstangen eingestochen, die Achselhöhlen verbrannt oder die
Hoden zerquetscht. Die Obduktion hat ergeben, daß die getöteten Gefangenen
Verletzungen am ganzen Körper hatten, die auf brutalste Foltermethoden zurückzuführen
sind: Gebrochene Gliedmaßen, eingeschlagene Köpfe und Einschnitte in viele Körperteile
sind einige davon.
(Evrensel 18.10.99)