Massenmord im Zentralgefängnis von Ankara

 Die politischen Gefangenen im Zentralgefängnis von Ankara sollten nach des Justizministeriums in andere Anstalten verlegt werden. In der Nacht des 26.09.99 drangen die Gendarmen zunächst in den Frauenblock und anschließend in die Blöcke 4, 5 und 7 ein. Dabei setzten die Gendarmen Tränengas und Feuerwaffen ein. Die Gefangenen versuchten, sich mit Flaschen und anderen Gegenständen zu wehren. Ersten Berichten zufolge sind 10 Gefangene getötet und zahlreiche verletzt worden. Unter den Verletzten befinden sich auch Schwerverletzte.
Das Massaker im Zentralgefängnis löste Unruhen in anderen Gefängnissen des Landes aus. In sieben Gefängnissen nahmen die Gefangenen mehrere Aufseher als Geiseln, da sie ebenfalls ähnliche Überfälle der Gendarmen befürchteten. Die türkische Massenmedien und der Ministerpräsident sprachen von einer Meuterei der Gefangenen. Tatsächlich aber übt die Regierung großen Druck auf die politischen Gefangenen aus. In der Vergangenheit haben die politischen Gefangenen viele Opfer bringen müssen, um ein einigermaßen menschenwürdiges Leben in der Gefangenschaft führen zu können. Dazu gehören u.a. das Besuchsrecht, das Recht auf den Bezug von Zeitschriften und Zeitungen, Aufhebung von Mißhandlungen sowie Kontakte untereinander bzw. zu ihren Rechtsanwälten. Während die Mitglieder der Mafia und Bandenorganisationen sich in den Gefängnissen frei bewegen können, wird den politischen Gefangenen noch nicht einmal ein regelmäßiges Besuchsrecht eingeräumt.
In Zentralgefängnis in Ankara dürfen die politischen Gefangene seit Wochen kein Besuch erhalten. Die Blöcke, vor allem 5 und 7, sind dermaßen überfüllt, daß 2 bis 3 Personen ein Bett teilen müssen. Ständige Willkür und diskriminierende Maßnahmen sind, wie in vielen Gefängnissen des Landes, an der Tagesordnung. Dagegen haben die Gefangenen auf unterschiedliche Art und Weise protestiert. Auch in anderen Gefängnissen ist die Situation sehr angespannt, denn diese Probleme sind auch dort auf der Tagesordnung. Die Politik der Regierung wird von KritikerInnen folgendermaßen beschrieben: „Die Mafiabosse werden begnadigt, die politischen Gefangenen werden ermordet. Das ist die ‘Lösung’ der Regierung“.

(Evrensel 27.09.99)

    Ein Überlebender des Gefängnismassakers berichtet  

Halil Dogan überlebte das Massaker im Zentralgefängnis von Ankara, in dem 10 politische Gefangene umgebracht wurden. Seine Freunde starben direkt vor seine Augen und er wurde im Holzschuppen des Gefängnisses gefoltert. Anschließend wurde er in das Gefängnis nach Iskenderun verlegt. Er verbüßt seit 3,5 Jahren seine ‘Strafe’ und ist erst 18 Jahre alt. Dogan wurde 12.07.96 verhaftet und bekam eine Haftstrafe von22,5 Jahren. Ihm wurde vorgeworfen „ein Führungskader einer illegalen Organisation“ zu sein. Die Mutter Dogans erzählt zu den Vorwürfen folgendes: „Halil war erst 15 Jahre alt als er verurteilt wurde: Er war sehr jung und er hatte ein großes Herz. Was mein Sohn nach dem Massaker erzählte ist grauenhaft. Nach der Folter wurde Halil ohnmächtig. Zwei Tage später wurde er mit Handschellen nach Iskenderun verlegt. Er konnte kaum laufen. Ein Kugel zerfetzte sein linkes Knie. Auch am Kopf war er verletzt und sein linker Arm war ausgekugelt. So wurde er ohne Behandlung verlegt. Nun wird er ständig mit einer Narkose betäubt“

Wie fing das Massaker an?

Als die Gefangenen mitbekommen, daß eine Razzia vorbereitet wird, gehen sie in den Gefängnishof. Von den Dächern werden Gegenstände (Steine, Dachziegeln) und Tränengas auf sie geworfen. Die Gefangenen werfen Steine und Tränengas zurück. Kurze Zeit später flüchten die meisten wieder in ihre Zellen zurück. Etwa 9-10 Personen bleiben noch im Hof. Diese Personen werden mit Spitzhacken voneinander getrennt. Über ein Megaphon rufen die Gendarmen ständig: „Ergebt euch!“ Die Gefangenen antworteten mit Parolen. Dann werden die Gefangenen Ümit Altintas und Zafer Kirbiyik erschossen.
Anschließend werden die meisten in das Gefängnisbad eingesperrt während Halil mit zwei weiteren Gefangenen in den Holzschuppen verschleppt wird. Hier werden sie auf brutalste Weise gefoltert. Ihnen wird gedroht, sie mit einer elektrischen Säge zu zerhacken. Ismet Kivrikoglu wird zunächst mit Schlagstöcken geschlagen und anschließend erschossen. Dogan wird ohnmächtig und kommt nach zwei Tagen zu sich.
In die Körper der Gefangenen wird mit spitzen Eisenstangen eingestochen, die Achselhöhlen verbrannt oder die Hoden zerquetscht. Die Obduktion hat ergeben, daß die getöteten Gefangenen Verletzungen am ganzen Körper hatten, die auf brutalste Foltermethoden zurückzuführen sind: Gebrochene Gliedmaßen, eingeschlagene Köpfe und Einschnitte in viele Körperteile sind einige davon.
(Evrensel 18.10.99)