Massenverhaftungen
wegen Forderung nach Kurdischunterricht
(Evrensel
14/15.01.02)
Die Türkei hat vor kurzem durch eine Änderung der
Verfassung das Verbot der kurdischen Sprache offiziell aufgehoben. Diese Maßnahme
war nötig, um in die EG aufgenommen zu werden, worauf die Türkei seit
Jahrzehnten hofft. Damit soll der Anschein geweckt werden, dass die Türkei sich
in einem Demokratisierungsprozess befindet. Doch die Praxis sieht anders aus.
Unmittelbar nach
der Änderung des Gesetzes starteten die Studenten, vor allem an Istanbuler
Universitäten Kampagnen unter dem Motto: „Muttersprache ist unsere
Existenzgrundlage“. Sie fordern mit einer Unterschriftskampagne, kurdisch als
Wahlfachunterricht anerkennen zu lassen. Ein Drittel der Unterzeichner der
Petition sind Nichtkurden. Bislang wurden für die Forderungen über 2.500
Unterschriften gesammelt.
In Zusammenarbeit mit dem Hohen
Hochschulrat (YÖK) leiteten die Sicherheitskräfte landesweit eine Fahndung
nach diesen Studenten ein. In mehreren Städten wurden Studenten festgenommen,
die nur eine Petition übergeben wollten. Allein in der südostanatolischen
Stadt Van nahmen die Soldaten mehr als 500 Studenten fest. Seit Tagen wird die
Uni in der Stadt Van vom Militär und Panzerfahrzeugen abgeriegelt. Die Jagd
nach Studenten, die die Petition eingereicht haben, geht landesweit weiter. Die
inhaftierten Studenten werden in den Staatssicherheitsgerichten (DGM) vernommen.
Die Staatssicherheitsgerichte haben bisher mehr als 15 Studenten zu Gefängnisstrafen
verurteilt.
Trotz der Änderung der Verfassung
gelten nach wie vor die Forderung nach Anerkennung der kurdischen Identität und
Sprache als Separatismus
und Unterstützung von verbotenen
Organisationen. Die politischen Parteien wie HADEP (Partei der Demokratie des
Volkes), EMEP (Partei der Arbeit) und der Menschenrechtsverein IHD forderten die
Freilassung der Studenten und bekräftigten ihre Unterstützung für die
Forderungen der Studenten.
Die Repressionen des Staates an den
Universitäten in den kurdischen Provinzen weiten sich aus. Nicht nur die
Studenten, die die Petition offen unterzeichnet haben, werden verfolgt, sondern
auch andere: z.B. diejenigen, die
Halstücher tragen. Um sich vor Kälte zu schützen, trägt die Bevölkerung in
diesem Gebiet um diese Jahreszeit Halstücher, die den Palästinensertüchern ähneln.
Nun haben die Staatsorgane all diejenigen, die solche Tücher tragen, zu Verdächtigen
erklärt. Die Universitätsleitungen haben ein Halstuchverbot verhängt.
Die Verfolgung der Parteimitglieder
bzw. Funktionäre der Partei HADEP (Partei der Demokratie des Volkes) ist
sicherlich nicht neu. Dennoch hat der türkische Staat seit Anfang Januar den
Druck auf die HADEP verstärkt. Dieses Mal wird ein Kalender, der von der HADEP
in türkischer, englischer und kurdischer
Sprache herausgegeben wurde, zum Anlass genommen. Seit einigen Wochen werden die
Parteibüros der HADEP in verschiedenen Städten von Sicherheitskräften überfallen,
Materialien entwendet, Funktionäre, Mitglieder und Besucher inhaftiert. Ihnen
wird Unterstützung von verbotenen Organisationen vorgeworfen. Hunderte von
Parteifunktionären sitzen immer noch in Untersuchungshaft, nach zahlreichen
wird gefahndet.
Der Unterstützerkreis für die
Forderung ‘Kurdischunterricht als Wahlfach’
anzuerkennen, wird immer größer. Die türkische Behörden sehen hinter
der Kampagne eine verbotene Organisation, die das Land zu „spalten„
versucht. Der Innenminister Rüstü Yucelen hat per Verordnung 81 Gouverneure
angeschrieben, härtere Maßnahmen in den Universitäten und größeren Druck
auf die Partei HADEP zu veranlassen. Außerdem fordert der Innenminister von
Staatsicherheitsgerichten DGM, das Verbotsverfahren gegen die HADEP zu
beschleunigen. Diese Verordnung zeigt unmittelbar seinen Wirkung. Nicht nur die
Universitäten werden von den Panzerfahrzeugen umstellt, sondern jeder kleine
Aktion ,wo auch immer, wird ohne zögern von Sicherheitskräften
auseinandergetrieben. Auch in diesem Zusammenhang wird die Verfolgungsjagd gegen
die Mitglieder von HADEP massiv verstärkt.
Anscheinend wollen die USA und die
Türkei bei einem Angriff gegen den Irak keinen Störfaktor dulden. Beim Besuch
des türkischen Ministerpräsidenten Ecevit Anfang Januar in der USA stand u.a.
auch der Angriff gegen den Irak auf der Tagesordnung. Die USA versuchen die Türkei
zu einem Angriff gegen den Irak zu überzeugen: