Ein Jahr nach dem großen Erdbeben

Das Erdbeben in der Marmararegion (Westtürkei) forderte vor einem Jahr Tausende von Menschenleben. Hunderttausende wurden Obdachlos und mussten monatelang ihr Zelten leben. Das war die eine Seite ; die noch schlimmere Seite war und ist noch, daß nach dieser Naturkatastrophe eine besonders ausbeuterische Mentalität folgte. Das Leben für die Überlebenden bedeutete Kälte, Schnee, Zeltstädte, Containerwohnungen, Betrug und der Druck des Staates.

Im vergangenen Winter verbrachten die Menschen in den Zelten. Für viele wird auch der nächste Winter so sein. Denn bisher wurden nur wenig neue Wohnungen gebaut. Beispielsweise leben in Izmit 8.000, in Sakarya 3000 und in Düzce 8.300 Menschen immer noch in Zelten. In Containerwohnungen leben in Izmit 56.000, in Sakarya 38.400 und in Düzce 23.000 Menschen.

Nach offiziellen Angaben kamen ca.17.000 Menschen ums Leben, 24.000 wurden verletzt und ca. 300.000 Wohnungen wurden beschädigt oder zerstört. Ab August 2000 müssen die Containerbewohner Mieten und andere Nebenkosten, wie Wasser, Strom etc. bezahlen. Die Tatsache, dass in der Stadt Sakarya bisher nur 7.000 neue Wohnungen gebaut worden sind, bedeutet für viele noch einen Winter in Zelten und Containerwohnungen. Allein in dieser Stadt waren 23.000 Wohnungen zerstört. Die Spendengelder aus dem Ausland und Inland hätten jedoch mehrfach gereicht, für alle Menschen angemessene Wohnungen zu bauen. Doch diese Gelder wurden nur zu einem Bruchteil für den Wiederaufbau angewendet. Wo die Gelder sind ist nicht bekannt.

Am Jahrestag des Erdbebens ( 17. August) gingen Tausende von Menschen auf die Strassen und gedachten der Opfer. Sie protestierten aber auch gegen die korrupte Staatspolitik und forderten zügige Lösungen der Wohn-, Gesundheits- und Bildungsprobleme. Heftige Kritik äußerten Gewerkschafter und Vertreter von Selbsthilfeorganisationen, und sie prangerten die heuchlerische Politik der Regierung und des Staates an. Nur wenige Menschen aus gutgestellten Schichten, die entsprechende Kontakte zu den staatlichen Institutionen haben, würden entsprechende Hilfeleistungen bekommen. Die Selbsthilfevereine wurden nach dem Erdbeben gegründet, um gegenseitige Hilfe zu organisieren. Die Gewerkschaftsplattformen und die Selbsthilfevereine hatten diese Demonstrationen gemeinsam organisiert. Allein in Gölcük protestierten mehr als 10.000 Menschen. (Evrensel 16/17.08.00)