Neue „Arbeitsbereiche„ für Dorfbeschützer
Die
bewaffneten Dorfbeschützereinheiten wurden im Kampf gegen die PKK vom Staat
ab1987 organisiert. Sie erhalten einen festen Lohn und beteiligten und
beteiligen sich heute noch neben Spezialteams, Militäreinheiten und
Geheimdienstorganisationen an Aktionen gegen die PKK und gegen das kurdische
Volk. Ihre Zahl betrug 1987 15.000 und ist nun auf 75.000 Mann angestiegen. In
vergangenen 13 Jahren heben viele Dorfbeschützer im Gebiet der OHAL
(Ausnahmezustandsgebiet) neben bewaffneten Aktionen und Zerstörung der Dörfer
auch Tätigkeiten wie Waffenschmuggel, Schutzgelderpressung, Kidnapping,
Vergewaltigungen und Drogenhandel betrieben. Während nun diskutiert wird was
mit dem bewaffneten Dorfbeschützer passieren soll, versucht der Staat sie im öffentlichen
Sektor weiter zu beschäftigen. Die Option sie zu pensionieren wird auch nicht
ausgeschlossen.
Die Bevölkerung ist ziemlich empört, dass diese Terrormaschinerie weiterhin entlohnt wird. Die Anzahl der bekannten Straftaten sind enorm gestiegen. Mit Unterstützung des Militärs und Spezialteams benehmen sich die Dorfbeschützer in den kurdischen Provinzen wie die „Gutsherren„. Etwa 4000 Dorfbeschützer stehen wegen Mord, Entführung, Vergewaltigung und Hausfriedensbruch vor dem Gericht. Selbst dem Staat war manchmal das Unwesen dieser Einheiten scheinbar zu viel. Doch viele dieser Dorfbeschützer gehen immer noch ihren gewohnten Nebentätigkeiten nach. Nun versucht der Staat einerseits die ganze Verantwortung der Greultaten im Ausnahmezustandsreglung auf die Dorfbeschützer zu schieben, andererseits sollen für 75.000 Dorfbeschützer alternative Arbeitsbereiche geschaffen werden.
Die Dorfbeschützer schaffen
auch von sich aus neue ‘Arbeitsstellen’ für sich selbst. Eine davon ist der
Dienst bei den Großgrundbesitzern. Großgrundbesitzer Muharren Üstün in Dorf
Umur bei Silvan beschlagnahmt mit Hilfe der Dorfbeschützer und einem
Armeehauptmann die Erträge der Bauern. Wer sich dagegen wehrt, wird nicht nur
bedroht sondern meist zur Flucht getrieben. Eine der 6 Familien, die vor
Repression der Dorfbeschützer und der Großgrundbesitzer geflohen sind, ist die
Familie Cürük. Mit 13 Familienmitgliedern haben sie sich in Diyarbakir
niedergelassen und leben in Elend. Die Gründe für die Flucht erzählt Ayhan Cürük
folgendermaßen: „Wir bebauen unsere Felder seit Generationen. Mit Hilfe des
Armeehauptmanns --und der Dorfbeschützer
übt der Großgrundbesitzer großen Druck auf die Dorfbewohner. Der Führer der
Dorfbeschützer Ferit Eren hat sich zum Dorfvorsteher wählen lassen. Den alten
Dorfvorsteher haben sie auch vertrieben. Als Gegenleistung für seine Dienste
erhielt Ferit Eren vom Großgrundbesitzer etwa 100 ha Land. All diejenigen, die
sich gegen den Großgrundbesitzer stellen, haben dort keine Überlebenschance.
Wir würden gerne wieder in unser Dorf zurückkehren. Aber solange die Verhältnisse
so sind, gibt es keine Chance für uns.“ ( Evrensel 07.02.2000)