OHAL- MUSS WEG!

 „OHAL muss weg!“ lautet eine von unterschiedlichen demokratischen Parteien, Gewerkschaften und Institutionen verbreitete Kampagne für die Abschaffung des Ausnahmezustandsrechts (OHAL) in Kurdistan. Die Sonderverordnungen und Ausnahmezustandsregeln mit der der Nationale Sicherheitsrat in den kurdischen Provinzen seine Politik der Vernichtung und Repression rechtfertigt, ist keineswegs Produkt der neusten Entwicklungen in den kurdischen Gebieten.

Die militärischen Machthaber haben im Zuge des Militärputsches von 1980, also vor mehr als  20 Jahren in 17 kurdischen Provinzen das offizielle Kriegsrecht verhängt, in der die Machtstrukturen der Militärs eindeutig dominierten. Nach dem Militärputsch wurde die Institution des Kriegsrechts durch das sogenannte OHAL-Gesetz ersetzt. Somit sind die Sonderregelungen bzw. Ausnahmezustandsregelungen in 17 kurdischen Provinzen Alltag. Die vom Parlament, Regierung, aber auch von den Kommunen festgesetzten Bestimmungen und Gesetze haben in den OHAL-Gebieten keine Gültigkeit. In diesen Gebieten dominieren die militärischen Strukturen der Regierung, die direkt an die Bestimmungen und Befehle des Nationalen Sicherheitsrates gebunden sind. Hier haben allein die Militärs und der Gouverneur des OHAL-Gebietes das Sagen.

Geschichtlich gesehen diente die Regelung des Ausnahmezustandsrechts OHAL dazu, den angeblich immer verstärkter hervortretenden „Terror in den Ostprovinzen zu bekämpfen“. Die Praxis hat sich jedoch in eine umgekehrte Richtung bewegt. Seit der Verkündung des Ausnahmezustandsrechts und dem damit verbundenen Sonderverordnungen hat die Liste der „unbekannten politischen Morde“, „Verschwundenen“, Repressionen und Verhaftungen weitverbreitet zugenommen. Städte wie Batman, Diyarbakir und Mardin gelten heute als Städte der „Täter unbekannten Morde“. Mehrere überlieferten Berichte des Menschenrechtsvereins der Türkei (IHD) und der Amnesty international (ai) bestätigen, dass die Verantwortlichen dieser politisch unbekannten Morde in Verbindung mit den von der OHAL angeordneten Spezialkommandos oder anderen paramilitärischen Organisationen gebracht werden

Diese Tatsachen werden auch in einem offiziellen Bericht der staatlichen Stellen, die im Zuge des Susurluk-Skandals zu Lichte kamen, nicht geleugnet. In einem dieser Berichte heißt es, dass im Falle einer Verhaftung die Angehörigen nicht wissen, an wem sie sich wenden sollen und das dadurch eine Odyssee zwischen Staatsanwaltschaft, Gendarmerie, Polizeipräsidium und Staatssicherheitsgericht gestartet wird. In diesem Bericht kommt sogar deutlich zum Ausdruck, dass viele dieser politisch unbekannten Morde am hellichten Tage auf belebtesten Straßen passieren. Die Täter scheint es nicht mehr zu interessieren, ob es Zeugen gibt oder nicht.

In dem Bericht wird auch auf die Rolle von einigen „Seitenwechslern“ eingegangen, die in Diyarbakir in Wohnanlagen untergebracht worden, die der Staat zur Unterbringung von Polizisten kaufte. Bei diesen „Seitenwechslern“ handelt es sich um Angehörige von paramilitärischen Banden, die in Zusammenarbeit mit den offiziellen militärischen Stellen Waffenschmuggel, Entführung, Erpressung, Drogenhandel und Morde begehen. Ex-Major des Informations- und Nachrichtendienstes der Gendarmerie (JITEM) Ahmet Cem Ersever beschreibt die Zusammenarbeit und Kooperation zu diesen „Seitenwechslern“ wie folgt:

„Diese Leute sind ideologisch eingeschult, militärisch gut ausgebildet und kennen die Region viel besser als jeder andere. Lassen wir diese Leute nicht in den Gefängnissen nutzlos verwesen. Sie können im Kampf gegen die Terroristen sehr nützlich sein. Einer dieser Leute, bekannt unter dem Decknamen Salman, hat nach dem Seitenwechsel sogar in Zusammenarbeit mit der Gendarmerie und der Polizei auch Heroingeschäfte und illegalen Waffenhandel betrieben. Es gibt noch einen anderen Bereich, wo diese Leute tätig sind. Sie erpressen Schutzgelder von Geschäftsleuten, die für die PKK Unterstützung leisten. Diese Leute schmuggeln sogar Drogen in das Diyarbakir-Gefängnis. Sie sind erbarmungslos. Adem Yakin hatte beispielsweise auf dem Cudi-Gebirge einem Schafhirten den Kopf mit der Säge abgesägt. Keine verantwortliche Stelle des Staates kann diese Tatsachen widerlegen. Der Staat ist über alles, was hier passiert, informiert.“

Diese wenigen Beispiele zeigen wie der Alltag in den sogenannten OHAL-Gebieten verläuft. Viele Opfer der unbekannten politischen Morde waren Intellektuelle, Künstler, Mitglieder und Funktionäre von demokratischen Parteien, Menschenrechtler, kritische Journalisten, Gewerkschaftler oder Oppositionelle gewesen. Nach 1991 haben diese politischen Anschläge und Morde rapide zugenommen. Und seit dem PKK ihren militärischen Apparat aufgelöst und einen Waffenstillstand erklärt hat, hat sich die politische Lage in den OHAL-Gebieten keineswegs verbessert. Zwar sind seit kurzem einige kurdische Provinzen, die für die Militärs keine angeblich Gefahrenregion darstellen, aus den OHAL-Regelungen herausgenommen, aber der Alltag in den sechs kurdischen OHAL-Gebieten hat sich keineswegs geändert.

OHAL-Verbote gegen demokratische Zeitungen

Mit dem Erlaß des OHAL-Gouverneurs vom Januar 1999 hat die Repression auf die demokratische Meinungsbildung und Pressefreiheit deutlich zugenommen. Mit einem Erlaß vom 05. Januar 1999 hat der Gouverneur der OHAL-Gebiete ohne einen bestimmten Grund den Vertrieb der demokratischen Tageszeitung Evrensel in Provinzen Diyarbakir, Siirt, Sirnak, Van, Tunceli und Hakkari verboten. Mehrmals haben Spezialteams Zeitungsexemplare aus den Fahrzeugen des Zeitungsvertriebs entwendet und somit verhindert, dass diese Zeitung in der Region vertrieben und gelesen wird. Auch der Vertrieb der Zeitung in die benachbarten Städte und Ortschaften, die nicht zum OHAL-Gebieit gehören, wurde willkürlich verhindert.

Die Evrensel darf seitdem in 17 Städten und 119 Kleinstädten, in denen hauptsächlich Kurden leben, nicht vertrieben und verkauft werden. Trotz der zahlreichen Proteste von mehreren demokratischen Vereinigungen, Organisationen, Journalistenverbänden, Gewerkschaften, Menschenrechtsorganisationen und Lesern wurde diese Verbotsverfügung nicht aufgehoben. Es war noch nicht mal möglich den offiziellen Grund dafür zu erfahren. Aufgrund dieser Proteste haben die Verantwortlichen erklären müssen, dass der Vertrieb außerhalb der OHAL- Gebiete nicht verhindert werden könne. Außerdem wird Evrensel nicht in die Städte Batman und Siirt reingelassen, obwohl dieser Städte inzwischen aus dem OHAL- Gebiet rausgenommen sind.

Nicht nur die Evrensel ist von dieser Repressionswelle des OHAL-Gouverneurs, der in Kooperation mit dem Nationalen Sicherheitsrat bestimmt wurde, betroffen. „Reporter ohne Grenzen (RSF - Sektion Türkei) veröffentlichte im Mai diesen Jahres eine Bilanz der Angriffe auf Journalisten Zeitungen/Zeitschriften in der deutlich gemacht wird, dass prokurdische Zeitungen, Zeitschriften, Satirezeitschriften wie „Zirpine“, „Roje Teze“, „Ülkede Gündem“, „Firatta Yasam“ und viele andere Medien, die sich kritisch mit politischen Entwicklungen in der Türkei auseinandersetzen, konfisziert und in den kurdischen Provinzen nicht verteilt, vertrieben und verkauft werden dürfen.

Demokratische Parteien und Gewerkschaften wie die EMEP, HADEP, IHD, TÜM-TIS u.a. haben seit längerem eine Kampagne gestartet, die sich darauf ausrichtet, die Aufhebung der OHAL-Bestimmungen zu erlangen. In den Erklärungen der Kampagne kommt deutlich zum Ausdruck, dass die OHAL gegen alle jeglichen demokratischen Bestimmungen stehe und mit ihren Repressionen auf das Meinungs- und Presserecht einer Demokratisierung des Landes entgegenstehe. ( Aus Evrensel verschiedene Ausgaben)