Paragraph 312- eine von vielen Hürden vor Meinungsfreiheit

Es gibt viele Paragraphen im Türkischen Strafgesetzbuch, die die Meinungsfreiheit einschränken bzw. unter Strafe stellen. Einer davon ist der Paragraph 312. Der Türkische Staat verurteilt auf Basis des Paragraphen 312 des Türkischen Strafgesetzbuches Tausende von Personen, die ihre Meinungen verbal oder nonverbal äußern. Paragraph 312 bedeutet für manche das Verbot von politischen Tätigkeiten, für andere Gefängnisstrafen während er für manche Publikationen Konfiszierung oder gar Erscheinungsverbot bedeutet. Allein in den Jahren 1994 bis 1998 wurden 2887 Personen auf der Grundlage des Paragraphen 312 verhaftet, von den 1151 Haftstrafen bekamen. Der Paragraph 312 sieht eine Haftstrafe von 1-3 Jahren in folgenden Fällen vor: „Das Volk auf der Grundlage der religiösen, regionalen, rassischen und sozialen Unterschiede zur Feindseligkeiten und Hass aufzurufen.“

Die Geschichte des Paragraphen 312 geht bis zur Gründung der Türkischen Republik zurück. Ursprünglich war der Wortlaut anders und lautete: „Aufstachelung der sozialen Klassen zum Hass und zu Feindseligkeiten“. Nach der Verfassungsänderung 1961 wurde wegen der Verfassungswidrigkeit Einspruch erhoben. Das brachte keinen Erfolg. Das Verfassungsgericht lehnte den Einspruch ab. Nach dem Militärputsch von 1980 wurde die Reichweite des Paragraphen 312 erweitert. Die Auffassung des Staates, dass das Hervorheben der regionalen, sprachlichen, religiösen, rassischen und sozialen Unterschiede Terror und Anarchie hervorrufen würde, schlug sich in der Neuformulierung des Paragraphen 312/1 nieder. Das Urteilsrecht nach § 312 wurde auf die Staatssicherheitsgerichte (DGM) übertragen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrecht hatte mehrere Beschlüsse gegen den Paragraphen 312 gefasst. Obwohl die Türkei den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als übergeordnetes Gericht akzeptiert, werden die Beschlüsse nicht befolgt.

Einige prominente Opfer des § 312

Akin Birdal (Vorsitzender des Menschenrechtsvereins IHD), Münir Ceylan (Ex-Vorsitzender der Gewerkschaft Petrol-Is), Yasar Kemal (Schriftsteller), Hatip Dicle (Ex-Abgeordneter und Vorsitzender der mittlerweile verbotenen Partei DEP), Ahmet Altan (Schriftsteller), Esber Yagmurdereli (Schriftsteller), Haluk Gerger (Schriftsteller), Haydar Kaya (Vorstandsmitglied der EMEP), Vedat Zencir (Sprecher des Antikriegsvereins in Izmir), Yilmaz Odabasi (Dichter), M. Can Yüce (Journalist), Ali Erol (Chefredakteur der Zeitung Evrensel), Ahmet Ergin (Chefredakteur der Zeitung EMEK), Kemal Yildiz (Rechtsanwalt), Sefik Beyaz (Vorstandsmitglied des Kurdischen Instituts), Necmettin Erbakan (Ministerpräsident 1996/97, Vorsitzender der Wohlfahrtspartei RP), R. Tayyip Erdogan (Ex-Oberbürgermeister von Istanbul), Hüseyin Ceylan, Halil Celik und H. Celal Güzel (Ex-Abgeordnete),........................(Evrensel 25.03.2000)