Niedenstein, den 23.3.2001
Presseerklärung zum Verbot der türkischen
Tageszeitung
‘yeni EVRENSEL’
Seit
gestern, dem 21. März 2001 ist die türkische Tageszeitung ‘yeni EVRENSEL’für
sieben Tage vom Istanbuler Staatssicherheitsgericht (DGM) verboten worden. Der
Grund für diesen Angriff auf diese Zeitung ist der Artikel zum Todestag des
EVRENSEL- Journalisten Metin Göktepe unter dem Titel: “Freunde, ich muß diesen Fall unbedingt weiter verfolgen“.
Metin
Göktepe war am 8.1.1996 während seiner Berufstätigkeit von Polizisten zu Tode
geprügelt worden. In den Monaten danach ist dieser Fall weltweit als
exemplarischer Fall für die Pressesituation in der Türkei bekannt geworden.
Nach monatelangen Protest-aktionen ist es gelungen, einige der beteiligten
Polizisten gerichtlich zur Rechenschaft zu ziehen. Nach kurzen Haftstrafen sind
diese Beteiligten an der Tötung des Journalisten Metin Göktepe wieder aus dem
Gefängnis entlassen.
Ein
unmittelbarer Grund für das vom DGM ausgesprochene siebentägige Zeitungsverbot
war nun die Kritik im Artikel, daß nicht die Verantwortlichen für dieses Tötungsdelikt,
insbesondere der Polizeipräsident von Istanbul Orhan Tansanlar und sein
Stellvertreter Kemal Bayrak, vor Gericht gestellt werden.
Das
Verbotsurteil basiert auf dem türkischen ‘Anti- Terror- Gesetz’ und in der
Begründung heißt es: „Einige Personen
des Staatssicherheitsdienstes werden den Terrororganisa-tionen als Zielscheibe
dargestellt“. Neben dem Erscheinungsverbot wurden der Inhaber der Zeitung,
Fevzi Saygili und der Chefredakteur von yeni EVRENSEL, Ali Karatas zu einer
Geldstrafe von 720 Millionen türkischer Lira verurteilt.
Wenn
türkische Politiker der momentanen Regierungsparteien DSP, MHP und ANAP und
andere Persönlichkeiten von einer Demokratisierung in der Türkei sprechen,
wirft dieser erneute Schlag gegen die Meinungs- und Pressefreiheit ein
bezeichnendes Licht auf die tatsächliche Situation in diesem Land.
Ein
Grund für die Repressionen auf yeni EVRENSEL muß auch in der scharfen Kritik
dieser linken gewerkschaftsnahen Zeitung an dem ‘ Neuen Nationalen
Wirtschafts-programm’ der Regierung gesehen werden. Nach dem kürzlichen Währungscrash
der Lira, bei dem gerade die abhängig Beschäftigten praktisch über Nacht ein
Drittel ihrer Einkommen einbüßten ,sollen nun die rentablen Wirtschaftszweige
in der Türkei privatisiert werden. Nach den Richtlinien vom Internationalen Währungsfond
(IWF) und der Weltbank sollen die internationalen Konzerne den Zugriff u.a. auf
die Energiewirtschaft, die Telekommunikation und die türkische Airlines
erhalten. Im Protest dagegen formieren sich in der ‘Plattform der Arbeit’
verschiedene Gewerkschafts-konföderationen und andere demokratische
Massenorganisationen. Yeni EVRENSEL ist im Konzert dieser oppositionellen
Stimmen und im Medienbereich offenbar besonders störend.
Der
EMEK -Solidaritätsverein protestiert entschieden gegen dieses vom
Staatsicherheits-gericht verhängte Zeitungsverbot. Er solidarisiert sich mit
der oppositionellen Presse in der Türkei und insbesondere mit den Kolleginnen
und Kollegen von yeni EVRENSEL !
Wilhelm
Frohn, Vorsitzender EMEK Solidarität e. V.