Repression gegen die Partei HADEP
Oberbürgermeister
der Städte Diyarbakir, Siirt und Bingöl, Feridun Celik, Selim Özalp und
Feyzullah Karaaslan sind wegen dem Verdacht Beziehungen zu der PKK zu haben am
Samstag den 19. Februar 2000 verhaftet worden. Ihre Anhörung vor dem
Staatssicherheitsgericht (DGM) in Diyarbakir hat angefangen. Es wurde bekannt
gegeben, dass die Anwälte der Anwältekammer Diyarbakir, unter ihnen auch der
Vorsitzende Mustafa Özer, die Verteidigung der Politiker der HADEP (Demokratie
Partei des Volkes) übernehmen.
Nach der
Verhaftung der Oberbürgermeister haben zahlreiche Proteste stattgefunden. In
Diyarbakir sind Protestierende von der Polizei auf brutale Weise mit Motorrädern,
Schlagstöcken u.ä. angegriffen und 300 Menschen sind verhaftet worden. Die
selben Angriffe sind auch in Siirt auf Menschen ausgeübt worden, die ihrem
Protest mit einer Presseerklärung Ausdruck verleihen wollten. Hier sind 99
Menschen unter ihnen 2 Gewerkschaftsvorsitzende verhaftet worden.
Auf
der anderen Seite haben Sinan Tanrikulu und 7 weitere Rechtsanwälte der Anwältekammer
Diyarbakir bei der Staatsanwaltschaft des Staatssicherheitsgerichtes Diyarbakir
Widerspruch eingelegt und die Freilassung der Mandanten gefordert. Es wurde
betont, dass diese Verhaftung gegen Recht, Gesetz und internationale
Vereinbarungen verstößt, deswegen wurde die Aufhebung des Verhaftungsurteils
und die Freilassung gefordert. Das Gericht seinerseits hat diesen Antrag
abgewiesen.
Der
Parteivorsitzende der HADEP Ahmet Turan Demir hat am 23.02.00 in einer
Presseerklärung betont, dass die Türkei kurz vor der Schwelle zur Aufnahme in
die EU stehe und kritisierte, dass einige Kreise dieser Entwicklung mit
Provokationen entgegenzuwirken versuchen anstatt die notwendigen Maßnahmen zur
Demokratisierung des Landes und den Beitrag ihrer Partei hierzu zu unterstützen.
Außerdem betonte der Vorsitzende, dass Frieden, Ruhe und Demokratie die Bedürfnisse
der ganzen Bevölkerung in der Türkei seien und dass ihre Partei mehrmals erklärt
hat, dass sie ihrerseits alles tun werde, dieses Ziel zu erreichen. Es könne
aber nicht angehen, dass mit dem Willen des Volkes gewählte Repräsentanten auf
eine Art und Weise festgenommen werden, die nicht mit den Menschenrechten und
der Demokratie vereinbar sind.
Der Vorsitzende
der Jugendorganisation der HADEP Alican Önlü betonte, dass die Verhaftung der
Oberbürgermeister mit dem Prinzip der demokratischen und freien Gesellschaft
nicht vereinbar sei und dass die Verhaftungen die Folge einer politischen
Entscheidung seien. In seiner schriftlichen Erklärung bemerkte Önlü, dass
dieser Vorfall auf bestimmte Äußerungen des Ministerpräsidenten Ecevit
folgte.
Die Festnahme der
drei Oberbürgermeister hat auch Reaktionen auf europäischer Ebene ausgelöst.
Die Versammlung des europäischen Parlamentarierrates und der lokale
Verwaltungsrat hat die Freilassung der verhafteten Oberbürgermeister der HADEP
gefordert. Der Vorsitzende der Versammlung des europäischen Parlamentarierrates
Lord Russel Johnston, Generalsekretär Walter Schwimmer und der Vorsitzende des
Verwaltungsrates Alain Chenard haben eine Erklärung zu den Vorfällen
abgegeben. In der Erklärung hieß es, es sei eine Überraschung, dass mit dem
Vertrauen der Bürger gewählte Repräsentanten in der gegenwärtigen
politischen Atmosphäre verhaftet werden. Es würde eine dringende Untersuchung
in dieser Region nötig sein. In der Erklärung wurde das Vertrauen in den
Ministerpräsidenten Ecevit ausgesprochen, dass er im Südosten der Türkei eine
normale Situation schaffen werde, in dem alle politischen und kulturellen
Neigungen respektiert und die Rechte gewählter Vertreter der Bevölkerung geschützt
werden. Außerdem hat in Italien eine Gruppe von Senatoren Unterschriften
gesammelt, damit die italienische Regierung gegen die türkische Regierung
aufgrund der Verhaftung Position ergreift und dieses Problem im italienischen
Parlament besprochen wird.
Innerhalb der Türkei
haben sich auch andere Organisationen gegen solche Angriffe ausgesprochen. Neben
der HADEP haben sich auch die EMEP (Partei der Arbeit), CHP (Republikanische
Volkspartei), DBP (Demokratie und Friedens Partei), IP (Partei der Arbeiter), FP
(Wohlstandspartei) u. a. gegen diesen Vorfall protestiert.
Von den
Gewerkschaften haben KESK (Konföderation der Beschäftigten im öffentlichen
Dienst), SES (Gewerkschaft Gesundheitswesen), Egitim-Sen (Gewerkschaft
Erziehung), TÜMTIS (Gewerkschaft der Transportarbeiter) uva. diesen Vorfall
hart kritisiert.
Trotz der
massenhaften Proteste haben der Ministerpräsident Ecevit und der Staatspräsident
Demirel diese Festnahmen verteidigt. Gegenüber Journalisten äußerte Demirel:
„Es gibt in der Türkei kein Recht auf strafbare Handlungen. Wenn es in der Türkei
Personen gibt, die Straftaten begehen, sollten wir sie nicht am Kragen packen?
Die türkische Republik hat Gesetze. Wir nehmen uns niemanden vor, der sich an
die Gesetze hält“.
Das Außenministerium
hat in seiner wöchentlichen Pressekonferenz mitgeteilt, dass sich der
Ministerpräsident bezüglich der Verhaftung der drei Oberbürgermeister im
Zusammenhang mit den internationalen Beziehungen geäußert hatte. Ecevit
vertrete klar die Meinung, dass dies eine innere Angelegenheit der Türkei sei.
Ein
paar Tage nach der Festnahme der drei Oberbürgermeister sind 18 leitende
Personen der HADEP, unter ihnen auch der Vorsitzende Ahmet Turan Demir und der
ehemalige Vorsitzende Murat Bozlak aufgrund eines Urteils des
Staatssicherheitsgerichtes Ankara am 24.02.00 jeweils zu einer Freiheitsstrafe
von 3 Jahren und 9 Monaten verurteilt worden, weil ihnen zu Last gelegt wurde,
dass sie der PKK Hilfe geleistet haben (EVRENSEL
28.2.2000)