Schrifsteller Orhan Pamuk angeklagt

                                           Nick Brauns

Dem tuerkischen Schriftsteller Orhan Pamuk, der im Oktober den 
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekommt, drohen mehrere Jahre 
Haft. Wegen "oeffentlicher Verunglimpfung der tuerkischen Identitaet" 
hat ein Istanbuler Staatsanwalt nach Paragraph 301/1 Anklage erhoben. 
Darauf stehen zwischen sechs Monaten und drei Jahren Gefaengnisstrafe. 

Grund fuer die Anklage ist ein Interview im Schweizer Tagesanzeiger von 
Anfang Februar. Pamuk hatte erklaert: "30 000 Kurden und eine Million 
Armenier wurden in der Tuerkei getoetet." In der Tuerkei steht die 
Behauptung, es habe waehrend des Ersten Weltkrieges einen von der 
jungtuerkischen Junta und ihren deutschen Militaerberatern organisierten Genozid 
an bis zu 1,5 Millionen kleinasiatischen Armeniern gegeben, unter 
Strafe. Am 16. Dezember muss Pamuk seine Behauptung vor Gericht verteidigen.

Das PEN-Zentrum Deutschland wertete die Anklage als einen "brutalen 
Angriff auf die Meinungsfreiheit und eines Landes unwuerdig, das sich um 
die Mitgliedschaft in der EU bewirbt". Bislang unklar ist, ob die 
Anklage auf den Alleingang eines uebereifrigen Staatsanwalts zurueckgeht, 
oder ob es sich um den organisierten Versuch kemalistischer Kreise 
handelt, die in Kuerze beginnenden Aufnahmeverhandlungen mit der EU zu 
torpedieren. 

Bereits im Fruehjahr hatten nationalistische Kreise in der Tuerkei den 
Schriftsteller mit einer wuesten Pressehetze ueberzogen und 
Demonstrationen gegen ihn organisiert. Ein Landrat ordnete sogar die Verbrennung 
von Pamuks Buechern an.

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