Stichpunkte
zur aktuellen Situation der Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei.
Referat
auf dem Treffen des FORUMS GEWERKSCHAFTEN KASSEL im Gewerkschafts-haus am
24.10.2000
Liebe
Kolleginnen und Kollegen,
laßt
mich in einem kurzem Abriß die Situation zur Meinungs- und Pressefreiheit in
der Türkei darstellen.
I.
Allein in den letzen acht Jahren wurden in diesem NATO-Staat 25
Journalisten umgebracht. Die Mörder waren entweder unmittelbare Vertreter des
Staates oder mafiaähnlicheTerrorbanden (z. B. die Hizbullah), die staatlichen
Institutionen nahe stehen oder zumindest von staatlichen Stellen geduldet worden
sind. Nach Algerien verfügt damit die Türkei über einen traurigen Rekord in
dieser Frage.
Die
vorerst letzen Opfer waren Metin Göktepe der
Tagezeitung Evrensel und Prof. A. Taner Kislali von der liberalen Tageszeitung
Cumhuriyet. Unter türkischen Journalisten kursiert deshalb der makabere Satz:
‘Pressefreiheit in der Türkei = Zensur mit der Gewehrkugel !’
Hunderte
Journalisten wurden in den letzten 10 Jahren inhaftiert, und gegen viele
Hunderte wurden Geldstrafen ausgesprochen. Rechnet man die Geldstrafen in
Tages-sätzen und addiert man die Tage, ergeben das viele hundert Jahre Gefängnisstrafe.
Ab
dem Jahr 1992 wurden neben vielen Rundfunk- und Fernsehsendern, Publikationen
und Zeitschriften die Tageszeitungen: Özgür Gündem, Yeni Politika, Evrensel.
Ülkede Gündem und Emek geschlossen und verboten. Diese genannten
Tageszeitungen sind i. d.R. linke/ gewerkschaftsnahe oder prokurdische Medien.
Wenn diese Maßnahmen nichts nutzten, wurden (von offenbar staatsnahen Kräften)
die Zeitungsgebäude in die Luft gesprengt: So im Dezember 1994 in Istanbul und
Ankara die Zeitung Özür Gündem. Bei diesem Bombenattentat starben auch einige
unbeteiligte Passanten.
In
den kurdischen Gebieten im Südosten der Türkei, den ehemaligen Bürgerkriegs-provinzen,
ist diese Form der ‘Pressefreiheit’ besonders markant ausgeprägt Die Mörder
sind immer ‘unbekannt’.
In
diesem Ausnahmezustandsbezirken (türkisch die sogenannten OHAL- Gebiete) können Zeitungen und andere Medien ohne jegliche
juristische Begründung vom Vertrieb ausgeschlossen werden. Der Miltärgouverneur
ordnet das einfach an. Ein Widerspruch ist dann nicht möglich. Betroffen davon
sind beispielsweise die Tageszeitungen Ülkede Gündem, Özgür Bakis und (seit
heute 659 Tagen) Yeni Evrensel.
II.
Die strafrechtliche Grundlage für die Einschränkung und Negierung der
Meinungsfreiheit ist der § 312 des türkischen StGB. Tausende von Menschen
wurden verurteilt, die ihre Meinung in irgend einer Form öffentlich kundgaben.
Dieser Paragraph bedeutete für viele das Verbot, sich politisch zu betätigen,
Gefängnis- oder hohe Geldstrafen und für Medien und Publikationen
Erscheinungsverbote. Allein in den Jahren 1994 bis 1998 wurden knapp 3000
Personen auf Basis dieses Paragraphen verhaftet. Gegen 1151 Menschen wurden
Haft- oder hohe Geldstrafen ausgesprochen. Dieser § 312 schreibt eine
Haftstrafe von einem bis drei Jahren vor, wenn, wie es heißt:“ Das Volk auf
der Grundlage der religiösen, regionalen, rassischen und sozialen Unterschiede
zu Feindseligkeiten und Haß aufgerufen wird“ Dieser Paragraph, besonders nach
dem Militärputsch von 1980 verschärft, wurde vom Europäischen Gerichtshof
mehrmals
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EMEK
Solidarität
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Wilhelm Frohn
EMEK Solidarität e. V.
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D 10179 Berlin
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2 -
gerügt.
Obwohl die Republik Türkei den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
als übergeordnetes Gericht anerkannt hat, sind diese Beschlüsse von der Türkei
konsequent ignoriert worden.
III.
Um Euch ein dichtes Bild über die Repressionen in den Monaten dieses
Jahres zu machen, möchte ich Euch eine Übersicht zu den Repressionen im Jahr
2000 geben. Als Quellen für meine Angaben verweise ich auf den türkischen
Presserat und auf den Pressedienst der Emegin- Partei (Partei der Arbeit):
‘Der Prozess der EU- Kandidaten -schaft brachte keine Meinungs- und
Pressefreiheit’(aus dem englischen Text):
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Januar 2000:
In
18 Prozessen wurden Journalisten zu 96 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Radio-
und TV- Zensurbehörde (RTÜK) verbot
zwei TV-Stationen für vier Tage und sprach gegen neun Radiostationen 1035 Tage
Sendeverbot aus. Eine Zeitung und ein Buch wurden konfisziert. Bei dem Buch
handelt es sich um Interviews mit Soldaten, die im Bürgerkrieg im Südosten
eingesetzt waren. Unter dem Titel ’das Tagebuch des Soldaten Mehmet’ hat die
Vorsitzende der türkischen Sektion von Reporter ohne Grenzen dieses Buch veröffentlicht.
-
Februar 2000:
RTÜK
bestrafte 5 TV- Kanäle mit 6 Tagen Sendeverbot und 9 Radiostationen mit einem
Ausstrahlverbot von 737 Tagen. Neun weitere Radiostationen wurden verwarnt.
Zwei
Journalisten wurden in Gewahrsam genommen und zwei weitere arritiert. Der
Vertrieb des ‘Dersim-Magazins’ wurde in Tunceli (Dersim) untersagt. Ein
Militärgericht verurteilte den Menschenrechtsaktivisten Sanar Yurdatapan (IHD)
und den Journalisten Nevzat Onran zu zwei Monaten Gefängnis, da sie im Radio
‘den Wunsch der Bevölkerung in die Armee einzutreten’ diskreditiert hätten.
Der Redakteur Tuncay Seyman (yeni Evrensel) wurde in erster Instanz zu 10
Monaten Haft und zu einer Geldstrafe von 51/2 Mio. türkischer Lira verurteilt (
Später wurde diese Strafe nur in eine Geldstrafe umgewandelt)
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März 2000
Die
Zensurbehörde RTÜK sprach drei Tage Sendeverbot für 3 TV- Stationen aus.
Demokrat Radyo mußte nach der RTÜK- Verfügung 15 Tage Pause einlegen. 27
Journalisten wurden im März in Gewahrsam genommen. Zwei Zeitschriftenmagazine
wurden beschlagnahmt. Der Autor und Dichter Yilmaz Odabasi kam für 7 Monate ins
Gefängnis.
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April 2000
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Mai 2000
Das
Zentralbüro der Zeitung ‘Selam’ wurde von Polizisten verwüstet. Vier
weitere Zeitungen und 8 Magazine durften in den OHAL- Gebieten nicht vertrieben
und verteilt werden. Der Herausgeber der Zeitung ’Yeni Asya’, Memet Kutular,
wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt , da er die ‘Hilfs’aktionen der
Behörden nach dem letztjährigen Erdbeben scharf kritisierte.
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Juni 2000
Die
Tageszeitung Yeni Gündem wurde in den OHAL-Gebieten verboten. Die
Chefredakteure von 7 lokalen Zeitungen wurden vor Gericht gezerrt, da sie das
kurdische Wort ‘Nevroz’ in ihren Nachrichten erwähnten. Die Chefredakteure
von 5 weiteren lokalen Zeitungen erhielten Prozesse, da sie aus dem Briefwechsel
der beiden inhaftierten Gangster -Bosse Cakici und Ergin zitierten. Diese
Gangsterbosse trieben oder treiben ihr
- 3 -
Unwesen
unter offensichtlicher Duldung oder sogar Förderung von halboffiziellen
staatlichen Stellen.( Das die Grenzen zwischen Staat und kriminellen Banden fließend
sind ist seit dem Susurluk- Zwischenfall jedermann in der Türkei bekannt)
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Juli 2000
Der
Generaldirektor der türkischen Staatssicherheit, Turan Genc, zitierte 5
Journalisten offiziell in sein Hauptquartier, um sie nach den Quellen ihrer
Nachrichten und Infor mationen zu fragen. RTÜK
verbot Özgür Radyo (Freies Radio)
für ein gesamtes Jahr. Vier TV - Stationen wurden mit jeweils einem eintägigen
Sendeverbot belegt.
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August 2000
Die
Journalisten Jülide Kalic (yeni Evrensel) und Ergülen Top (Yeni Gündem)wurden
während einer Reportage in Sicherheitsverwahrung genommen.
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September 2000
(und nach der Behördensommerpause)
RTÜK
ordnete acht Tage Sendeverbot für 6 TV- Stationen an. Das Acik Radyo (Offenes
Radio) wurde für 25 Tage geschlossen.. Die Chefredakteure von 6 weiteren
Zeitschriften wurden mit Prozessen bedroht, da sie ebenfalls über den
Briefwechsel der Gangsterbosse Cakcic und Ergin berichteten. Journalisten und
Kameramänner/-frauen wurden während einer Demonstration in Sirkeci/ Istanbul
von Polizisten angegriffen und verletzt. Die Demonstration war eine
Protestaktion gegen U-Bahn- Neubauten.
Die
lokale Zeitung aus dem anatolischen / kurdischen Antep, Firat’ta Yasam ( Leben
am Euphrat) wurde endgültig von den Behörden gestoppt! ( Dies sollte uns in
Kassel besonders aufmerksam machen: Vor einem halben Jahr war der Redakteur
Mehmet Boncuk von Firat’ta Yasam auf einer Veranstaltung der IG Medien und des
EMEK- Solidaritätsvereins hier im Kasseler DGB- Haus. Mehmet Boncuk hat damals
detailliert über die vielen Formen der Unterdrückung dieser Zeitung berichtet.
Allen Kasseler Teilnehmern war damals schon klar, daß eine linke,
gewerkschaftsnahe Zeitung in der heutigen Türkei keine lange Überlebenschance
hat)
Özem
Dinler (yeni Evrensel) wurde während einer Reportage vom Schuldirektor einer
Oberschule verprügelt; seine Kamera wurde dabei zerstört.. Meral Taner, einem
Kolumnisten der Tageszeitung ‘Millyet’ wurde zu 16 Monaten Gefängnis, wegen
angeblicher Beleidigung des früheren Präsidenten Süleyman Demirel,
verurteilt.
-
Oktober 2000
Am
6 Oktober wurde die Tageszeitung ‘yeni Evrensel für 10 Tage verboten. In den
3 Jahren des Erscheinens sind schon 35 Verfahren gegen yeni . Evrensel eröffnet
worden.. Das Verbot für diese 10 Tage im Oktober hat die 8. Strafkammer des
Kassationsgerichtshofes in Istanbul bestätigt. Der ursprüngliche
Gerichtsbeschluß wurde von der 5. Kammer des Istanbuler
Staatssicherheitsgerichts ausgesprochen. Die Grundlage für die Verurteilung
nach dem § 312 StGB war ein Artikel von A. Cihan Soylu vom 6.6.1999 mit der Überschrift:
„Die kurdische Frage und das volle Selbstbestimmungsrecht.“
IV.
Das war eine kurze kompakte Übersicht über Repressionen der Presse- Medien-
und Meinungsfreiheit in der Türkei von heute. Diese Informationen werden in
Deutschland nur spärlich verbreitet. Auch Euch sind sie als kritische
Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter zwar im Grundsatz, aber wahrscheinlich
nicht in allen Einzelheiten, bekannt.
Das
ist auch kein Wunder, denn fast die gesamte Presse hier berichtete nach den
Staatsbesuchen von Bundespräsident Rau, Verteidigungsminister Scharping und Außenamtschef
Josef Fischer, daß sich ‘die Verhältnisse in der Türkei auf dem Weg nach
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Europa
normalisieren’. Damit einher geht ein schwunghafter Panzer- und Waffenexport
oder er ist in Vorbereitung. Die Wirtschaft, deutsche rüstungskonzerne und die
türkischen Militärs können zufrieden sein.
Die
eigentlichen Machthaber in der Türkei - die
Militärs( und das dahinter stehende internationale und nationale Kapital) -
werden internationale Aktionen und Proteste aus dem Ausland wenig beeindrucken.
Aber der zivile Protest von Demokraten, fortschrittlichen Menschen und
Gewerkschaftern in der Türkei steigt und artikuliert sich. Diese Tendenzen und
Kräfte müssen wir solidarisch unterstützen !
(
Zur Rolle der Militärs und zum wachsenden zivilen Protest erschien in der
September- ‘Le Monde diplomatique’ in der taz-Beilage am 15.9.2000 ein
lesenswerter Hintergrundartikel von Eric Rouleau unter dem Titel : „ Die
‘Paschas’ als fragwürdige Erben des Kemalismus“)
Wir
müssen uns hier im Land genau informieren und hinter die offiziellen Meldungen
unserer Massenmedien sehen. Den Kolleginnen und Kollegen in der Türkei müssen
wir zeigen, daß wir hinter ihrem Kampf für Medien- Presse- und
Meinungsfreiheit stehen.
Beispielsweise ist eine
Protestresolution aus diesem Kasseler DGB- Haus von der IG Medien zum
Erscheinungsverbot von yeni Evrensel mit großer Zustimmung in der
gewerkschaftsnahen Presse in der Türkei abgedruckt worden. Aus vielen Gesprächen
mit Gewerkschaftern, Journalisten und Vertreter von Menschenrechtsvereinen in
der Türkei weiß ich, wie wichtig die internationale Solidarität für unsere
Freunde in der Türkei für ihren Kampf ist.
Vielen
Dank für Eure Aufmerksamkeit.
Im
Anhang weise ich auf einige Internet- Adressen, Zeitschriften und Materialien
zur Situation der Medien- und
Pressefreiheit in der Türkei hin.
Kassel,
den 24.10.2000
W.Frohn
A) Interent
1. www.emeksoli.de
Artikel(Übersetzungen aus türkischen Zeitungen und infos aus der Türkei.;
Berichte über Aktivitäten des EMEK
Solidaritätsvereins.
2. www.mfm-info.de
Homepage
des medienbüros für menschenrechte e.V.,
(mfm), Delmenhorst
3. www.rog.at
Homepage
von ‘Reporter ohne Grenzen’,deutsche Sektion, Berlin
B) Zeitschriften
1. EMEK-
Info Zeitschrift
des EMEK Solidaritätsvereins. Erscheint vierteljährlich und
berichtet ausführlich zu aktuellen Fragen der Pressefreiheit in der Türkei
und
Aktivitäten hier im Land. In Kassel erhältlich beim Demokratischen
Kulturverein e.V.
(DIDF), Bremerstr. 22 oder per e-mail bestellen: a.w.frohn@t-online.de
2. Depeschen
Informationsdienst
des mfm. Mit Schwerepunkt Türkei werden hier
Nachrichten über internationale Politik und Befreiungsbewegungen
zusammengestellt.
Kontakt über e-mail: P2807@aol.com
C) Videofilme
1.
Die Türkei auf dem Weg nach Europa ? Presse, Prügel, Propaganda !
Ein Video von Peter Vogel, EMEK Solidarität und m.f.m. sowie Ahmet Senyurt,
M.f.m.; 15 Minuten,September 2000. Zu bestellen bei W. Frohn,Chattenstr. 1,
34305 Niedenstein oder e- mail:a.w.frohn@t-online.de für DM 12,50 zusätzl.
DM 6,- Verwaltungskostenant.