Vorgezogene Wahlen in der Türkei am 3. November 2002

Nachdem der ehemalige Außenminister Ismail Cem, der langjährige vertraute von Ministerpräsidenten Ecevit, Özkan und der Exportwirtschaftsminister Kemal Dervis vor der Sommerpause die Koalitionsregierung verließen, war die Regierungskrise nicht mehr zu verleugnen.

Der 57. Regierung der Türkei, gestellt von den Parteien, DSP ANAP und MHP, verdient sicherlich den Orden, die Bestimmungen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) punktgenau und hartnäckig durchgesetzt zu haben. Keine der Regierungen  konnte bisher so offensichtlich agieren, wie die jetzige.

Sie verabschiedete u.a. in 15 Tagen 15 Gesetzesänderungen, welche die Ressourcen des Landes dem Internationalen Kapital zur Verfügung stellte. Mit Hilfe des Exportministers Dervis -(davor war er langjähriger Mitarbeiter des IWF)- wurden Maßnahmen durchgesetzt, die bisher kaum eine Regierung sich zutraute. Diese Maßnahmen, Privatisierungen der staatseigenen Betriebe, großzügige Konzessionen gegenüber der internationalen Konzernen, massive Reduzierung der Staatsausgaben (d.h. das Einfrieren der Löhne und Gehälter !) sowie die Zerschlagung der Agrarwirtschaft des Landes, entsprechen den Direktiven des IWF und der Weltbank.

Dennoch, den Herrschenden in der Türkei und den internationalen Konzernen reichten die Machenschaften dieser Regierung nicht mehr. Sie hat das geleistet, was sie leisten konnte. Weitergehende Demontierungen des Landes konnten mit dieser Regierung, in dieser Konstellation, nicht mehr verwirklicht werden.

Zumal, sowohl den Regierungsparteien als auch das der anderen bürgerliche Parteien,  zunehmend das Vertrauen des breiten Volkes verloren ging. Laut neusten Umfragen könnten die meisten (Regierungs)- Parteien die Zehnprozent Hürde nicht mehr schaffen. Demgegenüber nimmt die Kampbereitschaft, vor allem die der Arbeiter und Angestellten, täglich zu.

Diese Regierungskonstellation ist für den IWF und die Weltbank zu unsicher: Es müsste eine Partei geschaffen werden, die ein Vertrauen im Volk wieder herstellt, als größte Kraft in das Parlament einzieht und eine „stabile“ Regierung, gemäß der Vorstellungen des IWF, bildet!

Das Trio Cem, Özkan und Dervis sollen neue Hoffnungsträger im Volkes werden. Sie gründeten die Partei YTP (Neue Partei der Türkei.). Doch innerhalb von kurzer Zeit war der Traum zerplatzt. Dervis wechselte nach einem hin und her  Taktieren zur CHP (Republikanische Volkspartei).

Durch diese Querelen musste inzwischen das Parlament vorgezogene Wahlen für den 3. November 2002 beschließen.

Mit der Bekanntgabe des Wahldatums, begannen die Parteien auch über mögliche Bündnisse zu verhandeln, taktieren und zu beraten. Die geltende undemokratische Wahlbestimmungen und Parteingesetze werden selbst für die Parteien, die jahrzehntlang an der Regierung beteiligt sind, zum Verhängnis. Mit Ausnahme weniger Parteien könnten viele die Zehnprozent Hürde nicht schaffen.

Wahlbündnis: „Der  Arbeits, Friedens und Demokratie- Block“

Nicht nur die bürgerlichen Parteien bilden Wahlbündnisse, auch die fortschrittlichen, demokratischen Parteien haben ein Wahlbündnis beschlossen. Das wurde von kämpferischen Arbeitern, Angestellten, Studenten und breiter Teile der Kurden sehr positiv aufgenommen. Die Parteien HADEP (Demokratische Partei des Volkes), EMEP (Partei der Arbeit), SDP (sozialistische demokratische Partei) und DEHAP (Demokratische Volkspartei) haben sich auf einen Wahlblock „Arbeit, Frieden und Demokratie“ verständigt. Der Block wird sich unter dem Dach der Partei DEHAP an den Wahlen beteiligen. Inzwischen wurden gemeinsame Kandidatenlisten und das Wahlprogramm bekannt gegeben.

Zuvor gab es zahlreiche Gespräche und Verhandlungen mit der ÖDP (Partei des Friedens und Demokratie) und der SHP (Sozialdemokratischer Volkspartei). Doch sowohl ÖDP als auch SHP haben unerfüllbare Bedingungen gestellt. Sie forderten u.a. alle Parteien und Gruppen im Wahlbündnis sollten unter dem Dach der SHP in ein Wahlbündnis eingehen, wobei der SHP Vorsitzende Murat Karayalcin als Gesamtvorsitzender die wichtigsten Ent-scheidungskompetenzen (Wahllisten, Posten etc.) erhalten sollte. Trotz mehrmaliger Versuche seitens des Blockes „ Arbeit, Frieden und Demokratie“ konnte mit der ÖDP und SHP keine Einigung erzielt werden.

Die Bekanntgabe der Gründung des Blocks „ Arbeit, Frieden und Demokratie“ löste nicht nur positives Echo in der werktätigen Bevölkerung aus, sondern zahlreiche demokratische politische Gruppen, Einzellgewerkschaften, Berufsgruppen und Organisationen haben diesen Schritt begrüßt. Für viele Menschen, die sonst nicht zur Wahl gingen oder doch irgendwelche sog. demokratische Parteien wählen würden, bietet der Wahlblock einen wirkliche Alternative.

Wichtiger ist es, dass der Block einen wichtigen Beitrag dazu leisten wird , die werktätigen Massen ohne Unterschied auf religiöse oder ethnische Zugehörigkeit, zusammen zu schweißen. Alle bürgerliche Parteien profitieren von der religiösen und ethnischen Zersplitterung der werktätigen Bevölkerung. Daher schüren sie auch vorhandene Vorurteile innerhalb der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und spielen sie gegeneinander aus.

Schikanen und Repressionen

Es dauerte nicht lange bis die Staatsorgane gegen diesen Block vorging. Mehr als 40 Kandidaten, darunter der HADEP- Vorsitzende Murat Bozlak und der  SDP- Vorsitzende und Menschenrechtler  Akin Birdal, wurden von der zentraler Wahlkommission von den Wahlen ausgeschlossen. Der Chef der islamischen AK-Partei und der traditionelle Islamlistenführer Necmettin Erbakan wurden ebenfalls von Wahlen ausgeschlossen. Die meisten dieser Politiker wurden in der Vergangenheit auf der Grundlage des Strafrechtsparagraphen 312 angeklagt oder verurteilt. Obwohl dieser Paragraph im Frühjahr reformiert wurde, hat die Wahlkommission trotzdem den Ausschluss beschlossen.

Auf der anderen Seite ist weitgehend in der Öffentlichkeit bekannt, dass in den Wahlvorschlägen der Parteien wie MHP, DYP und der ANAP jene Personen kandidieren, die in der Vergangenheit als Erpresser, Entführer, Kidnapper oder Killer (einige berühmte ehemalige Killer und Massenmörder der 70 er und 80 er Jahren sitzen schon seit Jahren als MHP-Abgeordnete im Parlament) tätig gewesen waren. Gegen diese Personen hat die zentrale Wahlkommission nichts  aussetzen gehabt. Die Empörungen und Kritiken aus dem bürgerlichen Lager und Medien richteten sich hauptsächlich um die beiden Islamlistenführer N. Erbakan und T. Erdogan. Kaum Erwähnung fand die Ausschließung der nahezu 40 Kandidaten der DEHAP.

Nach den neusten Meinungsumfragen könnten nur die  Parteien AKP, CHP, DYP und knapp die DEHAP/ der Block  die Zehnprozent Hürde schaffen. Laut dieser Umfrage würde die DEHAP momentan etwa 9% bekommen, wobei der Trend steigend ist.

Unmittelbar danach berichteten die  Zeitungen  Milliyet und Hürriyet,  die DEHAP würde wahrscheinlich nicht zum Wahl zugelassen werden, da sie die Voraussetzungen dazu nicht erfüllen würde. Voraussetzung für die Zulassung ist es, dass sich die Partei in mindestens 41 Provinzen organisiert haben muß und ihre Kandidatenlisten fristgemäß eingereicht haben muss. DEHAP ist in 61 Provinzen organisiert und hat die Kandidatenliste fristgemäß eingereicht. Die zentrale Wahlkommission hat die Partei nun zu den Wahlen zugelassen. Die Zulassung wurde auch im staatlichen Presseorgan veröffentlicht. Als Quelle für diese Berichterstattung wurde die Oberstaatsanwaltschaft angegeben.  Dem Polizeipräsidium wurde angeordnet, die DEHAP zu überprüfen. Sowohl die bürgerliche Presse als auch der Oberstaatsanwaltschaft wissen genau, dass die DEHAP ordnungsgemäß zu den Wahlen zugelassen wurde. Warum also solche Meldungen?

Während die Regierungsparteien im Abwärtstrend sind und nur noch 2, 3 oder 6 % der Stimmen bekommen würden, ist für die DEHAP/Block die Zehnprozent- Hürde kein Problem mehr. So versucht man durch spekulative Meldungen die Wähler zu manipulieren, und den Aufstiegstrend des Blockes „ Arbeit, Frieden und Demokratie“ zu stoppen, 

Trotz aller Störungsversuche zeigen die Entwicklungen in der Türkei ein ganz anderes Bild. Täglich erklären Gewerkschafter, Intellektuelle, Künstler und andere Gruppen, die sich auf der Seite des Friedens, Arbeit und Demokratie stellen, ihre Unterstützung.

Die ersten Wahlkundgebungen der DEHAP in ADANA und MERSIN haben deutlich gemacht, welchen Rückhalt der Block in der Bevölkerung haben wird. Am 28.09.02 beteiligten sich in Adana über 20 000, ein Tag später im Mersin 30 000 Menschen an den Kundgebungen. Die Eröffnungen der Wahlbüros in den Stadtteilen von Großstädten wie Istanbul, Izmir, Ankara und in den anderen Städten werden zu Kundgebungsplätzen mit tausenden von Beteiligten umgewandelt.

Auch an den zahlreichen Veranstaltungen, wo sich die lokalen  Kandidaten des Blocks vorstellen, nahmen mehrere tausende Menschen teil. Allein in der Stadt Izmir wurden innerhalb von kurzer Zeit etwa 100 Wahlbüros eröffnet. Die Istanbuler erklären, in jedem Stadtteil ein Wahlbüro  errichten zu wollen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. In vielen Fällen werden Arbeiter, Angestellte, Arbeitslose, Gewerkschafter selbst aktiv und gründen kleinere Komitees, um in ihren Stadtteilen, Betrieben und Schulen, die Zielen des Blocks bekannt zu machen.

Angesichts dieser positiven und erfolgreichen  Entwicklungen muss mit neuen Repressionen und Hindernissen gerechnet werden!