Wirtschaftskrise: Der Wut der Kleinhändler artikuliert sich auf der Strasse

Die Kleinhändler, die seit Jahren unter der Wirtschaftspolitik leiden, die von der IWF und der Weltbank diktiert werden, bringen ihren angestauten Unmut auf die Strasse. In der Hauptstadt Ankara protestierten (11.04.) mehr als 100.000 Menschen gegen die Wirtschaftspolitik und forderten den Rücktritt der Regierung. Als die Menge zum Parlament ziehen wollte, errichtete die Polizei Barrikaden. Bei Ausschreitungen mit der Polizei wurden mehrere Menschen verletzt. Die Polizei setzte Schusswaffen und Tränengas ein.

Die Wirtschaftskrise ruiniert die Lebensgrundlage von Millionen von Arbeitern, Bauern, Angestellten und Kleinhändlern. Innerhalb weniger Tage verloren die Menschen bis zu 40% ihres Einkommens, da die Türkische Lira gegenüber den harten Devisen bis zu 40% abgewertet wurde und entsprechend die Preise stiegen. Seit mehr als eine Woche protestieren nun auch Kleinhändler landesweit gegen die Lasten der Wirtschaftskrise. Täglich werden neue Demonstrationen aus allen Teilen des Landes gemeldet. Für viele bedeutet die Krise das Ende.

Aus den Stadtteilen und Gewerbegebieten  Siteler, Ostim, Demirciler und Oto Sanayi zogen ab 9.00 Uhr Tausende Menschen in Richtung Innenstadt von Ankara. Da die Kleinhändler seit Wochen nicht mehr verkaufen können, haben sie ihre Läden geschlossen. Anstatt zum Kundgebungsplatz (Hippodrom) zu ziehen, marschierten die Demonstranten aus mehreren Stadtteilen zum Tandoganplatz. Der Versuch der Funktionäre der Kammer der Händler, die die Kundgebung angemeldet hatte, die Menge zu beruhigen bzw. umzuleiten, zeigte keine Wirkung. Auf dem Tandoganplatz werden die Redebeiträge der Funktionäre ausgepfiffen. Innerhalb von kurzer Zeit besetzen die Demonstranten die Bühne und bekräftigen ihren Willen, zum Parlament zu ziehen. Weder die Warnungen der Polizei noch die der Funktionäre der Kammer, können die Menge davon abbringen, weiterzuziehen. Während die Masse sich in Bewegung setzt, flogen Steine in Richtung der Bühne und der Pressefahrzeuge. Die Presse wurde beschuldigt, als Anhängsel der offiziellen Politik zu fungieren.

Die Polizei errichtet Barrikaden. Doch sie halten nicht lange. Daraufhin setzt die Polizei Wasserwerfer, Panzerfahrzeuge, Tränengas und Pfeffergas ein. Die Demonstranten antworten mit Steinwürfen. Die Ausschreitungen dauern mehrere Stunden. Mal müssen sich die Demonstranten, mal die Sicherheitskräfte zurückziehen. Erst mit Hilfe von Gendarmerie-einheiten, unter Einsatz von Gasbomben und Panzerfahrzeugen, kann verhindert werden, dass die Demonstranten das Parlament erreichen. Die Auseinandersetzungen gingen in mehreren Straßenzügen und Stadtteilen bis in den Abendstunden weiter. Die meisten Läden in Ankara    - auch im Stadtzentrum - blieben an diesem Tag geschlossen. An den Türen mancher Läden hingen schwarze Kränze.

Auch in den Städten Konya und Sivas gab es Demonstrationen mit Ausschreitungen. In Konya protestierten 15.000 Menschen und forderten den Rücktritt der Regierung. Als die Polizei den Demonstrationszug aufhalten will, kommt es auch hier zur Auseinandersetzung. Die Fensterscheiben der Parteibüros der MHP (Nationale Bewegungspartei) und ANAP (Mutterlandspartei) –beide in der Koalitionsregierung- werden von Demonstranten eingeschlagen. In Sivas demonstrierten 5.000 Menschen. Im Zentrum der Stadt bleiben die meisten Läden den ganzen Tag geschlossen. 

Notizen...Notizen...Notizen….. 

      An der Bühne auf Tandoganplatz hingen große Poster von K. Atatürk, eine türkische Flagge und ein Poster von den Vorsitzenden der Kammer der Händler, von Ali Riza Ercan. Gleich am Anfang hängen die ersten Demonstranten das Poster von Ali Riza Ercan ab, und verbrennen es. Dabei skandieren sie: „Das ist der größten Ausbeuter der Kleinhändler! Wo ward ihr bis jetzt?“ 

      Aus den Transparenten der sehr wütend auftretenden Demonstranten konnten u.a. folgende Parolen entnommen werden: „Ich bin ein Türke, ehrlich, arbeitslos und nicht satt“(Im Original heißt es aus Nationaliedtext: „Ich bin Türke, ehrlich, fleißig und gehorsam.“) „ Produzieren aber wie?“. „Das ist die Stimme der gehorsamen Gesellschaft“. „Nimm es vom Kleinhändler und Handwerker weg, gib es den großen, die Staatskasse ausleeren“.  „ Die Regierung ist Teilhaber meiner Mahlzeit, meiner Arbeit und mein Leben“. 

      Während einerseits die Demonstranten ihre Proteste auch gegen die Presse richten, erzählen sie andererseits den Journalisten manche ihrer Sorgen: Ein kleiner Ladenbesitzer erzählt, wie aus seinen zwei Millionen Türkischer Lira plötzlich Steuerschulden von 20 Millionen werden. 

      Auch Arbeiter und Auszubildende demonstrieren mit. Sie beklagen sich, dass sie kein Lohn mehr erhalten können. 

 

Anmerkung: Die Türkische Regierung erwägt, landesweit ein Demonstrationsverbot für einen Monat zu verhängen. Mehrere Gewerkschaften, Massenorganisationen und demokratische Parteien und Gruppen haben für den 14. April zur landesweiten Demonstration aufgerufen. Auch für den 1. Mai sind Vorbereitungen getroffen worden, im ganzen Land gemeinsam mit Arbeitern, Angestellten, Bauern und Kleinhändlern Demonstrationen und Kundgebungen zu organisieren. 

Evrensel 12.04.01