Zwischenbilanz der türkischen Politik seit den Parlamentswahlen im November 2002

 Am 3. November 2002 fanden in der Türkei vorgezogene Parlamentswahlen statt. Im Laufe des Jahres 2002 hatte die Ecevit- Koalitionsregierung die Mehrheit nicht nur im Parlament sondern auch die Zustimmung der Bevölkerung allmählich verloren. Die Wirtschaftskrisen von November 2000 und Februar 2001 haben für breite Bevölkerungsteile gravierende Folgen gehabt. Millionen von Menschen verloren ihre Arbeit. Die Sanierung der Wirtschaft durch den IWF und die Weltbank brachte nicht die versprochenen Verbesserungen. Im Gegenteil, das IWF Programm vergrößerte die Kluft zwischen den Lohnabhängigen, kleinen Bauern und Händler einerseits und des Großkapitals andererseits. Die Forderungen nach einer Veränderung wurden von Tag zu Tag stärker. Die Koalitionsregierung, dessen Aufgabe offenbar nur darin bestand, die IWF-Direktiven durchzusetzen, stieß an ihre Grenzen. Selbst das in- und ausländische Großkapital wollte eine ‚Auffrischung’ der Regierung. Denn die Aktionen der Arbeiter, Angestellten, Kleinhändler und Bauern richteten sich immer mehr gegen die IWF- diktierte Wirtschaftspolitik. Die Koalitionsregierung von DSP (Demokratische Linkspartei), MHP (Nationale Bewegungspartei) und ANAP (Mutterlandspartei) brach im Sommer 2002 zusammen. Das Parlament war gezwungen, den vorgezogenen Wahlen für den 3. November zuzustimmen, obwohl weder DSP noch die ANAP dies wollten.

Die Wirtschaftskrise am Anfang des Jahres 2001 hat dazu geführt, dass 1,5 Millionen Menschen ihren Job verloren und durchschnittlich die Menschen 1083 US- Dollar weniger zum leben hatten. Das Nationaleinkommen verringerte sich innerhalb von einem Jahr um 76 Milliarden US Dollar. Das jährliche  Pro-Kopf-Einkommen sank von 2948 auf 1865 US-Dollar. Während 125 000 Betriebe in Konkurs gingen, sank in wichtigen Wirtschaftsbereichen die Produktion zwischen 20-40%.  Innerhalb von einer Nacht wurde die Türkische Lira (März 2001) gegenüber dem US-Dollar um 36,73% abgewertet. Die Organisation für Staatsplanung (DPT) schätzt die Zahl der Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, auf 25 Millionen. Die Türkei hat insgesamt 66 Millionen Einwohner.

Von den Wahlen am 3. November versprachen sich viele Menschen eine reelle Veränderung. Obwohl in der Bevölkerung eine starke Ablehnung des IWF Programms bestand, haben nahezu alle bürgerlichen Parteien das IWF- Programm zu ihren eigenen Programm erklärt. Nur die ebenfalls zum bürgerlichen Lager zählende AKP (Partei des Fortschritts und der Aufklärung) von Tayyip Erdogan thematisierte das IWF-Programm gelegentlich und übte Kritik gegen die Anwendungsmethoden der alten Regierung. Die Zweite wichtige Frage, die die Menschen in der Türkei bewegte, war der drohende Krieg der USA gegen den Irak. Der AKP Führung war natürlich bekannt, dass überwiegende Teile der Bevölkerung gegen einen Krieg eingestellt waren. Die AKP thematisierte jedoch dieses Problem  kaum. Laut Umfragen galt die AKP von Anfang an als Favorit. Da die AKP auch als ‚islamistisch’ gilt, unterstützten bedeutende Teile des Militärs und der Herrschenden die Republikanische Volkspartei CHP.

Unter dem Dach der DEHAP (Demokratische Volkspartei) wurde kurz vor den Wahlen der „Block für Arbeit, Frieden und Demokratie“ gegründet, dem sich die Partei EMEP (Partei der Arbeit), HADEP (Demokratische Partei des Volkes- inzwischen wurde HADEP verboten), SDP (Sozialistisch- Demokratische Partei) und einzelne Gewerkschafter, Intellektuelle und  kleine linke Gruppen anschlossen. Für die Herrschenden war dieser Block von Anfang an ein Dorn im Auge. Mehr als 40 Kandidaten des Blocks wurden vom Wahlamt

ausgeschlossen. Die Generalstaatsanwaltschaft leitete ein Ausschlussverfahren gegen die DEHAP ein. Die bürgerliche Presse verleugnete die Existenz dieses Blocks oder den bürgerlichen Medien waren ausschließlich negative Schlagzeilen gegen den Block zu entnehmen. Die DEHAP war die einzige relevante Kraft, die Millionen von Menschen gegen die Kriegsgefahr, gegen die IWF-diktierte Wirtschaftspolitik und für die Demokratisierung des Landes mobilisieren konnten.

Bei den Wahlen am 3. November 2002 ging AKP als Sieger hervor. Sie verbuchte 35% der abgegebenen Stimmen und errang die absolute Mehrheit im Parlament. Als zweite –und einzig weitere- Partei schaffte die CHP mit 15% der Stimmen die 10% -Hürde. Zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei wurden alle Regierungsparteien bei einer Wahl so bestraft, dass sie nicht mehr den Weg ins Parlament schafften. Die Regierungsparteien DSP, MHP und ANAP scheiterten an der 10%- Hürde. Die bislang stärkste Partei DSP von Ministerpräsident Ecevit erreichte ganze 3%. Mehr als 2/3 der Abgeordneten wurden nicht wieder gewählt. Der Wahlausgang war ein deutliches Signal dafür, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich gegen eine Kriegsbeteiligung der Türkei und gegen das -vom IWF und Weltbank diktierten-  Wirtschaftsprogramm stellte. Das Volk bestrafte damit die Kräfte, die das Land sowohl wirtschaftlich als auch politisch in die Abhängigkeit getrieben haben. Die AKP wurde als Alternative zu allen anderen bürgerlichen Parteien bevorzugt. Noch bei den vorletzten Parlamentswahlen vor 3 1/2 Jahren konnten die Parteien (z.B. die faschistische MHP mit ca 20%) mit blankem Nationalismus und Hasstiraden ihre Stimmanteile erheblich erhöhen. 

Der ‚Block für Arbeit, Frieden und Demokratie’ konnte jedoch nur 6,5 % der Stimmen für sich verbuchen. Die Erwartungen lagen verständlicherweise höher. Der Grund für den niedrigen Stimmenanteil dürfte zum einen daran liegen, dass enormer Druck und Spekulationen seitens der Staatsorgane und der bürgerlichen Presse ihre Wirkung zeigten. Zum anderen konnten die Blockparteien bestimmte Teile der Bevölkerung nicht  für sich zu gewinnen. Zu kurze Vorbereitungszeit und einige Mängel in der Propagandatätigkeit z.B. die Konzentration auf Hochburgen in bestimmten Teilen des Landes und die Reduzierung der Wahlpropaganda größtenteils auf Kundgebungen dürften u.a. Gründe für unzureichende Stimmanteile sein. Dennoch konnte der Block durch seine Aktivitäten einige Vorurteile abbauen, den Geist der Völkerverständigung stärken und einen gesteigerten Einfluß gewinnen.

Kann die AKP Regierung eine Alternative sein?

Die AKP versteht sich nicht nur als eine islamische Partei. Tatsächlich haben viele Wähler diese Partei als eine Alternative gegenüber den anderen bürgerlichen Parteien betrachtet. Denn die AKP versprach den Wählern gerechtere Verteilung der Ressourcen, Meinungsfreiheit und Demokratisierung des Landes. Bekanntlich lehnte die Mehrheit der Bevölkerung das IWF-Programm ab. Sie bedeutete für die Mehrheit der Bevölkerung Einfrierung der Gehälter und Löhne, weiteren Abbau von Subventionen im Agrarbereich, verstärkte Privatisierung der  öffentlichen Betriebe, zunehmende Arbeitslosigkeit, Kürzungen im Gesundheits- und Bildungsbereich und bei steigenden Preisen eine hohe Inflationsrate. Die AKP kritisierte nicht das Wesen dieses Wirtschaftsprogramms, sondern übte Scheinkritik darüber, dass die Regierenden unfähig seien, die richtige Wirtschaftspolitik durchzuführen. Sie kündigte ein neues Stand- By Abkommen mit dem IWF an, bei dem die soziale Komponente mehr berücksichtigt werden sollte und die Interessen des Landes mehr Beachtung finden würden.

Die 58. Regierung, die durch die AKP gestellt wird, saß von Anfang an zwischen zwei Stühlen. Auf einer Seite befanden sich die Erwartungen des Großkapitals, die mit dem ausländischen Kapital kooperiert und Nutznießer der bisherigen Wirtschaftspolitik war und auf der anderen Seite standen weite Bevölkerungsteile des Landes, die Verlierer des IWF-Programms. Die ‚Widersprüche’ mit dem Großkapital konnte die Regierung binnen kurzer Zeit aufklären. Die ersten Maßnahmen der Regierung dienten dazu, das in- und ausländische Großkapital zu befriedigen. Bei den Verhandlungen mit dem IWF und Weltbankvertretern wurde der bisherige Wirtschaftskurs nicht in Frage gestellt. Die AKP forderte lediglich kleine „Korrekturen“. Nach unten versuchte die Regierung den Eindruck zu erwecken, man würde härter als bisher mit den Finanzexperten der Weltbank und des IWF verhandeln. Ministerpräsident T. Erdogan hob seine Fähigkeit, der bessere Händler zu sein, öffentlich in den Vordergrund. Bisher konnte die Regierung ihre Wirtschaftspolitik, die im Kern dem IWF-Programm entspricht, ohne größere Widerstände fortsetzen, da insbesondere der Krieg gegen den Nachbarstaat Irak alle anderen Themen von der Tagesordnung verdrängt hat.

Der Druck der US- Kriegspolitik auf die Türkei!

Die geheimen Verhandlungen zwischen den USA und der Türkei für den Krieg gegen den Irak liefen seit  Frühjahr 02. Die USA rechneten von ihrer Seite aus voll mit einer aktiven Kriegsbeteiligung der Türkei. Die wirtschaftlichen Schwächen und politische und militärische Abhängigkeiten der Türkei machten es den US-Strategen einfacher, die Türkei richtig in die Zange zu nehmen. Denn die Machthaber der Türkei wissen genau, dass sie ohne die Unterstützung der USA  kaum aus der Wirtschaftskrise herauskommen könnten. Sowohl die türkische Regierung als auch das türkische Militär signalisierten mehrmals ihre Bereitschaft, volle Unterstützung zu leisten. In zahlreichen Treffen wurden über die Kosten dieser Dienste der Türkei verhandelt. Die Türkei wollte möglichst große finanzielle Hilfen für ihre ‚Söldnertätigkeit’ herausholen.

Im Sommer 2002 mussten die Verhandlungen aufgrund der Regierungskrise unterbrochen werden. Gleichzeitig waren die Antikriegsstimmen in der Bevölkerung nicht zu überhören. Immer mehr Gewerkschaften, Berufsgruppen, Vereinigungen und Massenorganisationen bekannten sich öffentlich gegen einen Krieg im Irak. Nach der Regierungsumbildung bemühte sich die AKP zunächst um die Anerkennung ihrer Regierung durch die Großmächte, vor allem der USA, der Weltbank und des IWF. Diese Institutionen und Großmächte sendeten positive Signale. Die mehrheitliche Ablehnung eines Krieges der türkischen Bevölkerung machte der AKP-Regierung jedoch große Kopfschmerzen. Das Volk musste zuerst umgestimmt werden. Mit Argumenten wie, „ Die USA sind fest entschlossen im Irak einzugreifen; Wir können das nicht verhindern; Um bei der Neuordnung später dabei zu sein, wäre es angebracht, die Forderungen der USA zu akzeptieren“ wurde versucht die Bevölkerung umzustimmen.

Die USA forderte von der Türkei Überflugrechte, Stationierung von 62 000 GIs und die Überlassung von 9 Häfen und Flughäfen als Stützpunkte. Als Gegenleistung sollte die Türkei 15 Milliarden US-Dollar Finanzhilfe bekommen. Ab Mitte Februar schienen die Verhandlungen  Früchte zu tragen. Doch laut türkischer Verfassung musste der ausgehandelte Genehmigungsantrag der Regierung die Stationierung  ausländischer Truppen vom Parlament abgesegnet werden. Inzwischen wartete die 4. Infanteriedivision der US- Army mit schweren Kriegsgeräten vor den türkischen Häfen Mersin und Iskenderun. Zuvor hatte die Türkei für 3500 US Soldaten die Genehmigung erteilt, um Landebahnen, Militärflughäfen, Unterkünfte und Häfen für die Ankunft von weiteren US-Soldaten vorzubereiten.

Bei Umfragen lehnten um die 90% der Menschen in der Türkei eine Kriegsbeteiligung ab. Während allein in Ankara über 100 000 Menschen gegen den Krieg protestierten, kam Anfang März das Parlament zusammen, um über den Antrag der Regierung abzustimmen. Nicht nur die USA waren zuversichtlich, sondern auch die türkische Regierung und das Militär. Bei der Abstimmung fehlten jedoch 4 Stimmen an der absoluten Mehrheit. Somit war lt. Verfassung die Stationierung der US Soldaten und andere Forderungen der USA vom Parlament abgelehnt. Doch die Kriegstreiber (Regierung, das Militär und die bürgerliche Presse) gaben nicht auf. Sie verbreiteten Horrormeldungen darüber, welche wirtschaftlichen Einbußen die Türkei haben könnte, wenn sie nicht an der Seite der USA in den Krieg ziehen würden. Manche Abgeordneten wurden als Vaterlandsverräter beschimpft, und die Regierung bestrafte das Volk mit enormen Preiserhöhungen. Ungeachtet des Parlamentsbeschlusses kündigte der Generalstabschef Hilmi Özkök seine Zustimmung zur Unterstützung der USA an. Das Parlament wurde beiseite gedrängt und das Militär übernahm offen die politische Führung. Parallel zu dieser Entwicklung wurden türkische Panzereinheiten an die irakische Grenze verlegt. Auch US- Soldaten und Kriegsgeräte wurden in die Städte Mardin ,Batman, Diyarbakir und Gaziantep verlagert.

Für den US-Imperialismus hat die Türkei große strategische Bedeutung, um ihre hegemonialen Pläne im Nahen und Mittleren Osten durchzusetzen. Zu diesem Zweck nutzen sie die wirtschaftlichen und politischen Schwächen der Türkei geschickt aus. Die Situation der Kurden im Nordirak ermöglicht der USA weitere Druckmittel gegenüber der Türkei. Die Ambitionen der Herrschenden in der Türkei, ölreiche Gebiete im Nordirak (Mossul und Kirkuk) als ihr eigenes Einflussgebiet zu betrachten und die gleichzeitige Angst vor der Entstehung eines kurdischen Staates, lässt die Türkei eine leichte Beute für die USA sein. Der überwiegende Teil der Generäle und Offiziere der türkischen Armee ist ohnehin pro-amerikanisch eingestellt und beherrscht das politische Leben. Viele von ihnen sind in den USA ausgebildet worden. Um mit von der Partie zu sein und ein Stück vom Kuchen abzubekommen, akzeptiert die Türkei die Dominanz der USA und versucht mit allen Mitteln, ein Teil des strategischen Konzeptes des US-Imperialismus zu sein. So erhoffen sie, wenigstens das Mitspracherecht über die Pipeline von Kirkuk nach Yumurtalik (Südtürkei) zu erlangen. Diese ist aufgrund des Wirtschaftsembargos seit dem Golfkrieg von 1991 nicht im Betrieb.

Die US Politik in Bezug auf die Türkei ist mehrmals eindeutig formuliert worden. An die Adresse der Türkei heißt es im Klartext: „Wenn ihr euch nicht aktiv beteiligt, habt ihr auch bei der Nachkriegsordnung des Iraks nichts zu melden“. Für die Imperialisten hat die Wahrung ihrer Interessen erste Priorität. Mit welchen Kräften sie dies durchsetzen, ist dabei unwichtig. Daher bemüht sich die Türkei, jedem Versuch entgegen zu wirken, der ihre Position gegenüber der Weltmacht schwächen könnte. Eine starke kurdische Autonomie-Regierung, die vermutlich die Ölfelder um Mossoul und Kirkuk kontrolliert, könnte die Interessen der Herrschende in der Türkei kreuzen und die eigene strategische Bedeutung reduzieren. Das ist der Hauptgrund, weshalb die Türkei gegen eine angebliche Bestrebung eines unabhängigen kurdischen Staates wettert. Ein „starkes“ kurdisches Autonomiegebiet, das wirtschaftlich autark wäre, könnte verständlicherweise eine Signalwirkung für andere Kurden in der Region haben. Der größte Teil der Kurden lebt (ca. 20 Millionen) innerhalb der Türkei.

Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in der Türkei ist gegen einen Krieg im Irak. In vielfältigen Aktionen haben sie- Kurden, Türken und andere nationale Minderheiten, diese Haltung zum Ausdruck gebracht. Diese gemeinsamen Aktivitäten haben im letzten Jahr zur Annäherung und Versöhnung untereinander geführt, wobei die Rolle des  ‚Blocks für Arbeit, Frieden und Demokratie’ hervorzuheben ist.

Um dieses entstandene Bündnis von unten zu zerbröckeln, einheitliches Vorgehen verschiedener Völker gegen Ausbeutung, Unterdrückung und gegen den Krieg zu verhindern, versuchen 

reaktionäre Kräfte und die Herrschenden verstärkt, nationalistisch-chauvinistische Propagandamaschinerien in Gang zu setzen.

Diese Propagandamaschinerie geht so weit, dass die Kurden im Nordirak offen als Feinde der Türkei bezeichnet und mit einem Krieg bedroht werden.  Als ein Kriegsgrund sieht die Türkei die Kontrolle der Städte Mossul und Kirkuk im Nordirak durch den Kurden. Obwohl die kurdischen Parteien mehrmals erklärt haben, dass sie einen föderativ en Staat im Irak befürworten, unterlässt die Türkei diese Provokationen nicht. Die Erklärungen der Kurden im Nordirak, sie seien gegen einen Einmarsch der türkischen Truppen, reicht für die Machthaber und Nationalisten in der Türkei  aus, Kurden als ‚undankbar’ und ‚Feinde der Türken’ darzustellen.

Dieser Propaganda folgen weitere Behauptungen, nämlich, dass die Kurden die Turkmenen massakrieren würden, wenn die Türkei  nicht im Nordirak präsent wäre. Die Turkmenen im Raum Kirkuk, für die sich die Türkei als Schutzmacht aufspielt,  werden als Mittel für Invasionspläne benutzt. Die Organisation „Turkmenenfront“ wird von der Türkei bewaffnet. Erste Anzeichen für weitere ethnische Konflikte in der Region sind schon jetzt vorhanden. Die alt  bewährte  „teile und herrsche“ Prinzip wird nun im Irak in Gang gesetzt.

Die Turkmenen sind die Nachfahren von Einwanderern, die schon vor den Seldchuken und vor den Osmanen im Gebiet des jetzigen Nordiraks angesiedelt waren. Sie sprechen einen türkischen Dialekt. Offiziell gibt es eine halbe Millionen Turkmenen. Der Turkmenenfront und die Türkei behaupten, dass rund drei Millionen Turkmenen in der Region leben. Der Grossteil der Turkmenen in der kurdischen Autonomiezone verfügt über Rechte als nationale Minderheit und lehnt jegliche türkische Einmischung ab. Trotzdem versucht die Türkei, die Turkmenenfront für ihre Zwecke zu benutzen. Von Beginn des kurdischen Widerstandes  1961 waren 60% der 150 00 Einwohner der Stadt Kirkuk  Kurden. Die Turkmenen waren zweitstärkste Volksgruppe. Allein seit 1991 wurden ca. 200 000 Kurden, Turkmenen und Assyrer aus Kirkuk vertrieben, die jetzt in Flüchtlingslagern im kurdischen Autonomiegebiet leben.

Ein  Dilemma der türkischen Innen- und Außenpolitik ist sicherlich die Haltung gegenüber den Kurden. Grund dafür ist, dass die Türkei das  ‚Minderheitenproblem’ nicht auf demokratische Weise lösen will, sondern an seiner traditionellen Politik gegenüber den Kurden festhält. Unterdrückung und Verleumdung der Existenz von Kurden ist die offizielle Politik der Türkei. Diese Politik fördert weder im Inland noch im Ausland die freundschaftlichen Beziehungen der Völker untereinander und gibt den imperialistischen Mächten die Möglichkeit der Erpressung. Die Herrschenden in der Türkei versuchen seit 70 Jahren die Existenz der Kurden durch Terror, Verbote und Unterdrückung zu verleumden. Diese  Politik ist gescheitert. Das Problem der Kurden wird sowohl in der Region als auch auf der internationalen Ebene in der Zukunft einen hohen Stellenwert haben.

Es bleibt nur eins übrig: Das kurdische ‚Problem’ auf demokratische Weise, im Interesse der Völker zu lösen. Dies würde zur Völkerverständigung und Solidarität der Völker führen und die imperialistische Spaltung der Völker untereinander überwinden helfen. Ansonsten droht die  ‚Balkanisierung’ der Region. Die Kurden in der Türkei haben großes Interesse, das Problem auf demokratischem Wege zu lösen. Besonders im letzten Jahr haben Kurden und Türken bei Aktionen für Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie den richtigen Weg zur Lösung des Problems deutlich gemacht. Nicht die Kurden in der Region verursachen Chaos, Feinseligkeiten und Völkerhass, sondern die Anwesenheit der imperialistischen Mächte. Daher kann die Losung nur heißen, solidarischer Kampf der Völker (Türken, Kurden, Araber etc.) gegen die imperialistische Einmischung und Spaltungspolitik in der Region!

Ingliz;  Stand der Analyse: Sommer 2003

Der Autor arbeitet im EMEK- Solidaritätsverein mit und würde auch gern für Informationsveranstaltungen zur Verfügung stehen.